What the f*** ist „Netzneutralität“ und warum ist mein Stream so lahm?

Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2020 und willst dir ein Video im Netz anschauen. Pech nur, dass es Ende des Monats ist. Das Datenvolumen ist aufgebraucht. Das Schreckgespenst Datenvolumen-Ende soll nun auch für dein Festnetz-Netz verfügbar sein. Wenn das Datenvolumen ausgeschöpft ist, will die Deutsche Telekom schon bald nur noch winzige 384 Kilobit pro Sekunde durch die Leitungen lassen. Aber das ist nicht das einzige „Feature“ der neuen Tarife.

Internet satt nur für Leute mit Geld, das gabs schon einmal. Im Jahr 2000 haben wir mal eine Telefonrechnung zugestellt bekommen, die weit über 1000 DM lag. Damals wurde Internet noch wie Telefon abgerechnet und war extrem teuer. Flatrates gab es nicht. Und wer viel im Netz unterwegs war musste dementsprechend blechen. Mit den Flatrates wurde das anders!

Die Deutsche Telekom und andere Anbieter haben sich jetzt überlegt, dass das mit dem gleichen Preis für alle doch keine gute Geschäftsidee für sie ist. Sie wollen jetzt lieber unterschiedliche Tarife mit Datenvolumen statt echten Flatrates anbieten. Der Geldbeutel entscheidet also, ob wir uns ein Internet S, M, L, XL oder XXL leisten können. Momentan haben wir übrigens fast alle XXL des Möglichen. Wie früher müssen wir dann in Zukunft genau darauf achten wie viel wir in den letzten Tagen bereits heruntergeladen haben. Sonst heißt es am Monatsende bei der letzten Folge der Lieblingsserie nachher: Pech gehabt, Datenvolumen ist schon alle. Aber das ist noch nicht alles, schließlich gibt es ja noch die Zusatzfeatures, die nach und nach eingeführt werden. Und die sind der eigentliche Knackpunkt bei der Netzneutralität.

Um zu verstehen worum es bei den Features geht, muss man sich für einen Moment einmal das Netz als ein riesiges Netz aus Wegen vorstellen. Die Daten, die wir austauschen, werden auch Pakete genannt. Um ein Paket von A nach B zu bringen braucht es einen Post- oder Paketboten. Das sind im Netz unsere Internetanbieter: Telekom, O2, Vodafone, Telefonica und wie sie alle heißen. Bei der Post gibt es ja zum Glück das Briefgeheimnis. Das bedeutet: Der Postbote darf nicht einfach unseren Brief aufmachen und lesen. Er darf auch nicht einfach selbst darüber entscheiden, welcher Brief oder welches Paket wie schnell transportiert wird. Ohne Netzneutralität passiert aber im Netz genau das: Der digitale Postbote macht unser Paket auf und schaut erst mal was drin ist und macht davon abhängig ob und wenn ja wie schnell er das mit dem Liefern macht.

Viele Internetanbieter haben in ihren Verträgen tolle neue Zusatzfeatures. Bestimmte Dienste sollen nicht vom Datenvolumen betroffen sein – dort kann man störungsfrei weitersurfen. Die Telekom bietet ein spezielles Angebot zusammen mit dem Musikdienst Spotify an. Hört sich ja erst einmal total nett an, ist es aber nicht. Denn viele Internetanbieter wie die Telekom bieten neben Internetverträgen selbst Dienste im Netz an. Bei der Telekom kann man mit „Entertain“ ein Abo für Digitalfernsehen kaufen. Viele schließen Verträge mit großen anderen Internet-Diensteanbietern. Und die sollen natürlich bevorzugt behandelt werden. Die Telekom will ihre Flatrates so wie wir sie kennen abschaffen. Zeitgleich baut sie ihre Sonderkonditionen mit großen Partnern und eigenen Diensten aus. Ein Telekom-Sprecher forderte erst kürzlich, Anbieter wie Google sollten doch bitte Geld an die Telekom für die Durchleitung ihres Datenverkehrs an die Telekom zahlen. Da weiß man, wohin die Reise geht.

Man muss sich ja auch fragen, wie der Anbieter zwischen Paketen an den einen Dienst und den anderen Dienst unterscheiden will. Datenpakete sind wie eine Zwiebel mit vielen Schichten eingepackt. Ganz im Paket-Inneren ist bei einer E-Mail beispielsweise der Text. Außen sind die Paketschichten die beispielsweise sagen „Hallo Rechner, um mich lesen zu können musst du folgendes Programm benutzen“ oder „Moin, ich bin ein Paket von Katta an Pia.“

Was macht der Anbieter also? Er macht das Päckchen auf und schaut bis zu der Paket-Schicht die sagt: „Ich bin von deinem Tochterunternehmen, wir gehören doch zur Familie“, oder: „Ich habe dir diesen Monat Geld dafür gezahlt, dass du mich hier durchlässt“. Dein Anbieter kontrolliert also, von wem du Pakete bekommst und an wen du welche schickst, bevor er sich entscheidet sich auf den Weg damit zu machen. Und er führt eine Art Wegzoll oder Maut ein und je nachdem wer zahlen kann, wird anders behandelt. Ohne eine gesetzliche Netzneutralität ist das total legal. Es ist auch legal sich von einzelnen Diensten Geld dafür zahlen zu lassen, dass man die Inhalte an die Kunden bevorzugt weiterleitet. Erst recht legal ist es, die eigenen Dienste von Tochterunternehmen bevorzugt durchzustellen. Das verschafft ihnen einen unfairen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Und wenn ein Anbieter damit anfängt, werden andere nachziehen, da bin ich mir sehr sicher. Ergebnis: Wer Kohle hat, hat Reichweite im Netz und alle anderen haben dann Pech gehabt.

In anderen Ländern ist diese Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. Schließlich gibt es so viele Dienste, die schlecht fürs Geschäft sind. Es gibt aber auch hier bereits Telefonanbieter, die gezielt Skype und andere Dienste blocken oder verlangsamen damit ihre Kunden wieder mehr telefonieren. Es gibt Telefonverträge die für die Nutzung von WhatsApp einen Aufpreis verlangen, damit die Leute noch SMS schreiben. Und es gibt bereits Internetanbieter die bei Peer-to-Peer Verbindungen – also Filesharing – gezielt die Verbindung verlangsamen. Und es gibt Dienste bei denen man selbst ohne Guthaben noch auf einen bestimmten Anbieter zugreifen kann – der dafür auch ordentlich an den Netzanbieter gezahlt hat. Das ist momentan alles legal so lange irgendwo im Kleingedruckten eine entsprechende Klausel versteckt ist. Aber wer liest das schon?

Warum ist Netzneutralität also wichtig? Ganz einfach: Ich habe das Netz als eine gigantische Masse der absurdesten und komischsten und interessantesten und liebenswertesten Seiten kennen gelernt. Es gibt nichts was es nicht gibt. Abseits der großen Dienste gibt es ein echtes Biotop von kleinen Bands auf dem Sprung nach oben, selbstgemachten Comedy-Sendungen und liebenswerten Blogs. All den geilen Nischen-Angeboten wird aber der Saft abgedreht, wenn die meisten Leute in meinem Alter am Monatsende nur noch bei den Partnerseiten von Telekom oder Vodafone oder wie sie alle heißen vernünftige Bandbreite haben.

Und warum ist das schlimm? Ich will nicht, dass das Netz immer mehr von wenigen großen Unternehmen bestimmt wird. Das Netz ist mehr als Facebook und mehr als Spotify oder mehr als Skype. Das Netz ist auch dieser Blog hier, die Seite eines kleinen Bielefelder Datenschutzvereins, Piratebay und movie2k.to. Das Netz ist auch die Seite meiner Lieblingsband die wahrscheinlich nie groß rauskommen wird, der ich aber die Chance gönne, ihre Lieder übers Netz zu verbreiten. Das Netz ist für mich eben nicht nur Kommerz und Online-Shopping sondern mehr. Denn das Netz sind wir und die Chance selbst mit wenigen Klicks etwas auf die Beine zu stellen. Und ich finde jeder sollte unabhängig vom Geldbeutel daran teilhaben können. Sowohl als Nutzer aber auch als Macher von Inhalten. Und zwar auch anonym wenn er oder sie es möchte. Ohne Netzneutralität können wir das aber knicken.

Ich mag ich es nicht wenn mein Postbote in meinen Paketen rumschnüffelt. Der soll einfach nur seinen Job machen: Pakete liefern und abholen. Und welche Inhalte mir wichtig sind und welche nicht, welche ich per Express zugestellt haben möchte und welche nicht – das alles will ich immer noch selbst entscheiden. Chile, Slowenien und die Niederlande haben bereits ein Gesetz zur Netzneutralität. Worauf warten wir also noch?

(Zeichnungen: Charlotte von Hirsch)

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17 Gedanken zu „What the f*** ist „Netzneutralität“ und warum ist mein Stream so lahm?

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  • Schön geschrieben, Zwiebelschichten find ich jetzt auch mit nem IQ über 90 leicht verständlich 😉
    Aaaaber…was ich nicht verstehe ist der kaufmännische Witz hinter dem Ganzen in einer Gesellschaft, in der Geiz geil ist. Wenn ein Anbieter alles teurer und schlechter macht, wird der Konkurrent König, der sein Angebot so lässt wie es ist. Warum also sollten nach und nach alle das Telekommodell einführen? Oder ist es ein Kartell nach dem Motto „Billig war zum anfixen, jetzt hängt ihr an der Nadel und müsst löhnen!“?

  • Bis auf die 3 Tippfehler Postbode, Digitalfernsehen und Bielefelder ganz greifbar geschrieben.
    Und die Kernaussage ist auch benannt: „Ich mag ich es nicht wenn mein Postbote in meinen Paketen rumschnüffelt.“

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