Mehr Chaos wagen

In letzter Zeit ist viel Kritik geübt worden: Die Piraten sind nicht professionell genug, wir tragen Meinungsverschiedenheiten öffentlich aus, unser Vorstand bekommt von der Basis keine Beinfreiheit. Wir tragen noch immer mehrheitlich keine Anzüge. Wir haben immer noch nicht auf alle Fragen eine Antwort*. Im Schleswig-Holsteinischen Landtag hieß es gar bei der Debatte um Laptop-Verbot und Geheimrat: „Sind wir denn hier im Kindergarten?“ Doch wenn die anderen Kinder nicht mit uns spielen wollen, weil wir keine Anzüge tragen und unbequeme Fragen stellen, dann haben wir vielleicht auch alles richtig gemacht.

Was die Politik von Kindern und Piraten lernen kann

Kinder gehen grundsätzlich unvoreingenommen an Probleme heran, da sie unsere gesellschaftlichen und sozialen Schubladen noch nicht verinnerlicht haben. Wer Kindern etwas erklären möchte, der braucht gute Nerven. Denn für gewöhnlich reicht der einfache Verweis darauf, dass etwas schon immer so gewesen wäre und das man so etwas nun einmal so mache nicht aus. Kinder haken nach und sind beharrlich. Sie sind neugierig, kreativ und wissensdurstig.

Wir Piraten sind keine Berufspolitiker und wollten es auch nie werden. Wir sind Bürger, die von einem Moment auf den anderen in Parlamente gewählt worden sind. Wir setzen uns dementsprechend mit unserem neuen Umfeld etwas unvoreingenommener auseinander. Wir kommen aus basisdemokratischen Strukturen, wo es normal ist, dass man auch ohne Posten etwas zu sagen hat. Wir sind es gewohnt, dass Argumente und nicht Parteibuch zählen.

Berufspolitiker mit Bildungslücken

Wir waren vorher Redakteure, Mechatroniker, Forscher, Softwareentwickler, Sozialwissenschaftler, Schüler, Kaufmänner und Studenten. Es gibt eine Form von Wissen und Bildung, die lernt man nicht in der Uni und die kann man sich auch nicht anlesen. Wer über Sozialgesetze entscheidet und sich dabei in einer Filterbubble aus Polit-Profis und gehobener Mittel- und Oberschicht bewegt, der hat aus meiner Sicht eine eklatante Bildungslücke. Die meisten von uns haben Politik als Beruf von Max Weber nicht gelesen. Vielleicht sollten wir das. Weber hat in seinem Klassiker explizit darauf aufmerksam gemacht, dass es sinnvoll ist in der Gesellschaft einen Beruf zu ergreifen und diesen eine Zeit lang auszuüben, bevor man die politische Karriereleiter beschreitet.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir keine Berufspolitiker brauchen. Was wir brauchen sind mehr normale Menschen in den Parlamenten. Menschen die wissen wie es ist, die Miete erst später überweisen zu können, weil die Studiengebühren aufs Konto schlagen. Menschen, die sich mit zwei Jobs über Wasser halten. Nerds, die wissen was für ein Potential Technik für die Demokratie darstellt. Mieter, die sich über steigende Kosten ärgern. Angestellte, die sinkende Reallöhne auf dem Konto und nicht vom Wirtschaftsteil der FAZ ablesen. Aktivisten, die zu Demos gehen, nicht weil sie ihr Gesicht in die Presse-Kameras halten wollen, sondern weil ihnen ein Anliegen wichtig ist. Wir brauchen mehr Menschen in den Parlamenten, die sich selbst nicht so wichtig nehmen, umso mehr aber ihre Ideale.

Die beste Regierung ist die, die gar nicht regiert. Wir brauchen dringend Nonkonformisten, die politische Systeme neu gestalten und erfinden wollen. Der Beruf des Politikers genießt dramatisch geringe Anerkennung. Niemand, der die Wahlstatistik kennt kann ernsthaft leugnen, dass die parlamentarische Demokratie durch sinkenden Zuspruchs durch die Wähler massiv gefährdet wird.

Kein Klon, sondern ein Update

Unsere Demokratie braucht nicht noch mehr Anzugträger, noch mehr Schnittchen-Esser, noch mehr hyperreale Medien-Gestalten. Nicht noch mehr aalglatte Politsprecher und nicht noch mehr Projektionsflächen für Allgemeinplätze. Daran sehe ich in der politischen Arena momentan keinen Mangel.

Die Politik braucht mehr Glaubwürdigkeit und Authentizität. Und dies gelingt am besten, indem wir uns nicht verbiegen lassen. Indem wir uns dem sozialen Druck nicht beugen, die geltenden Spielregeln zu akzeptieren. Viele Menschen haben uns gerade deshalb gewählt, weil wir anders sind. Viele Menschen haben uns auch deshalb gewählt, weil sie wollen, dass wir den anderen Parteien den Spiegel vorhalten indem wir einfache berechtigte Fragen stellen.

Wir veröffentlichen unsere Nebeneinkünfte, während andere Parteien anfangen über Detailfragen zu feilschen. Denn die Lobby, die wir vertreten und die uns durch und durch unterwandert hat, sitzt stets mit am Tisch. Wenn wir uns mit Interessenvertretern treffen und daraus Podcasts machen, wenn wir Termine öffentlich machen, wenn wir einladen mitzukommen. Unsere einflussreichste Lobby sind die Bürger. Wir bekommen keine großartigen Unternehmensspenden. Wir sind abhängig von einer breiten Zustimmung unserer Peer-Group.

Demokratie verdient unsere Zeit

Aber es geht nicht nur um die Parlamente an sich, es geht auch um Parteistrukturen. Das Mitgliedersterben zeigt sehr deutlich, dass das bisherige Modell auch bei den etablierten Parteien auf immer weniger Zuspruch stößt. Wir proben nach innen was wir nach außen fordern. Und das ist authentisch. Auch wenn es von außen vielleicht langatmig erscheinen mag, wenn jedes Mitglied zu einem Antrag Stellung beziehen kann. Demokratie braucht Zeit. Demokratie braucht Geduld um zuzuhören. Und Demokratie braucht den Diskurs und den Austausch von Argumenten. Der Preis, den wir dafür zahlen ist lächerlich angesichts des Mehrgewinns durch echte demokratische Mitbestimmung.

Unsere Strukturen werden gerne als chaotisch bezeichnet. Doch Chaos meint im allgemeinen die Abwesenheit von Ordnung. In der Natur haben wir vieles als chaotische Unordnung erachtet, bis jemand die passende Formel gefunden hat. Unbekanntes und Fremdes wird gerne als chaotisch betrachtet, wenn man die Ordnung nicht versteht. Wir haben eine Ordnung und eine Struktur. Aber sie unterscheidet sich eben sehr von den bisherigen Parteistrukturen. Und das hat seinen Grund und ist der Intention entsprungen, etwas anders zu machen.

Liebe Piraten,

… behaltet bitte Eure bunten Haare, Eure Kapuzenpullis, Euren Nerd-Humor, Eure Alu-Hüte auf Parteitagen und die Bälle-Bäder. Behaltet Eure Kreativität und Unkonventionallität. Es gibt genug Menschen, die gerade das an Euch schätzen. Realisten gibt es genug da draußen, was wir brauchen sind Visionen und kreative Lösungen abseits von Sachzwang-Debatten. Wir sind dazu da, die richtigen Fragen zu stellen. Und wir sollten mutig genug bleiben um zu akzeptieren, dass wir nicht auf alles eine Antwort* haben können. Lieber Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit behalten, anstatt in beliebiges Politsprech verfallen. Manche Fragen stellen sich nur, wenn man von außen auf etwas schaut und unvoreingenommen an die Dinge herangeht. Viele Antworten findet man nur, wenn man außerhalb von Schubladen denkt

Wir haben alle unsere Ecken und Kanten und diese sollten wir uns bewahren, denn sie sind kostbar. Einmal abgeschliffen ist es schwer sie jemals wieder zurück zu holen. Wir brauchen mehr Nonkonformisten in der Parteienlandschaft statt Abnicker. Wir brauchen Mutige, die Wahrheiten aussprechen, wenn der Kaiser keine Kleider trägt – während alle anderen brav applaudieren.

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(Bild: CC-by: Franziska Lux)


27 Gedanken zu „Mehr Chaos wagen

  • Moin Jochen,

    es tut mir leid, wenn einige meiner Äußerungen als ausgrenzend aufgefasst werden können. So war es nicht gedacht. Es ist denkbar schwer alle Facetten dieser sehr vielfältigen Partei in 12 Minuten unterzubringen. Ich werde daran arbeiten.

    Ich denke aber auch, dass es eine Zeit gibt für stärker konstruktive Reden und eine Zeit für Reden wie diese. In Celle habe ich mich für letzteres entschieden. Und das hat seine Gründe.

    Im Wahlprogramm der Piraten Niedersachsen sind ca. 15 Anträge von mir enthalten, habe sie irgendwann nicht mehr gezählt. Ich kann also auch konstruktiv. In gewisser Hinsicht sind wir alle wertekonservativ in den einen oder anderen Dingen.

    …und ich habe nichts gegen Unternehmensberater.

    Grüße,

    Katta

  • Hallo Katharina,

    danke erstmal für deine ausführliche Antwort. Von mir nun dazu wieder einige Kommentare.

    Was du im ersten Absatz schreibst, das geht mir auch so. Fühle mich von den Parteien nicht vertreten. Die Piraten sind da seit Jahren meine Hoffnung (bin schon länger dabei).

    Deine Ausführungen zu deiner Jugend erklären mir Einiges. Auf jeden Fall schön, wie du dich trotz schwieriger Umstände entwickeln konntest.

    Wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du viele Menschen ansprechen und niemand ausgrenzen wg. diversen Äußerlichkeiten etc.!? Das ist löblich, doch deine Rede empfinde ich als Ausgrenzung für die „normale Bevölkerung“. Dass du das nicht so gemeint hast ist mir klar, aber es kommt bei mir so an.

    Gerade im Video wirkst du wie eine typische Studentenprotestlerin, die alles Etablierte ablehnt. Das ist schade, weil du ja offenbar selber sehr aktiv bist, dich bildest und vielseitig einbringst in die Gesellschaft. Wenn du diesen Aspekt mehr herausstreichst als den reinen Protest, dann wirkt das ganz anders.

    Warum schreibe ich dir das? Ich habe mich über das Video geärgert (weiß nicht genau warum) und fühlte mich ausgegrenzt, weil ich eben kein bunter Vogel bin, der gegen alles protestiert – und ich habe schon einige Jahre als Unternehmensberater gearbeitet … Auf der anderen Seite bin ich aber alleinerziehender Vater von zwei Töchtern und habe Ideale, die ich auch lebe. Trotzdem mag ich wertkonservativ sein und auch auftreten. Trotzdem habe ich als Wissenschaftler sehr originelle Forschungen betrieben (Neuronale Netze), aber das geht auch als „Normalbürger“.

    Geschrieben habe ich dir auch, weil ich sehe, dass du das nicht so meinst, wie es wirkt und dass du auch viel Potential hast, das ist nun mal erkennbar. Wenn du nun mehr konstruktiv reden würdest, also was du ändern möchtest und nicht, was dir nicht passt, dann sprichst du mehr Menschen an, ohne dass du dich ändern oder verbiegen musst.

    Liebe Grüße Jochen

  • Moin Jochen,

    sozialneidisch bin ich keineswegs. Ich denke nur, dass der Grundgedanke einer repräsentativen Demokratie darin liegt, dass die Bevölkerung repräsentiert wird in all ihren Facetten. Das ist aber meiner Meinung nach leider nicht der Fall. Und ich erlebe in meinem Umfeld, dass viele Menschen sich von der Politik nicht mitgenommen fühlen. Ein großer Teil der Abgeordneten in Parlamenten ist seit Jahren dort aktiv und aus meiner Sicht fehlt hier die Rückkopplung zu den normalen Menschen und ihren Sorgen. Interessen die man aus Überzeugung vertritt haben eben einen ganz anderen Charakter.

    Ich bin wahrscheinlich nicht das was man als „Durchschnittsdeutschen“ bezeichnen würde. Allein deshalb, weil ich nicht in Deutschland geboren worden bin. Ich kann mich noch an die Zeit in Übergangsheimen erinnern. Und ich weiß wie es ist in einer überfüllten Grundschulklasse zu sitzen wo in der letzten Reihe Kinder sitzen die gar kein Deutsch können – und denen niemand hilft. Kein Sozialarbeiter, keine Förderkurse, gar nichts. Ich weiß wie es ist wenn Kinder fehlen, weil sie für ihre Eltern auf dem Amt Übersetzer spielen müssen. An der Hauptschule an meinem Schulzentrum wurde der Sozialarbeiter gestrichen und gleichzeitig bekam unser Gymnasium einen teuren Handball-Platz. Freunde von mir wurden als 1Euro-Jobber für das Umgraben des Vorgartens des Vorarbeiters missbraucht und was es da nicht alles an „Einzelfällen“ gibt… Das hat meine Einstellung zu Migrations- und Sozialpolitik nachhaltig geprägt.

    In meiner Studienzeit habe ich Freunde von mir sich verschulden sehen um das Studium finanzieren zu können. Einige sind aus diesem Grund abgegangen. Ich habe mich aus diesen Gründen bei den Protesten an meiner Uni gegen Studiengebühren engagiert. Gleicher Zugang zu Bildung ist mir wichtig, denn Bildung ist der Schlüssel um den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Wenn wir bereits an dieser Stelle sparen, dann verweigern wir vielen jungen Menschen systematisch eine bessere Zukunft.

    In den letzten fünf Jahren habe ich mich stark in der Netzpolitik engagiert. Das kannst du dann am besten hier nachlesen, denn das würde die Kommentar-Funktion sprengen: http://kattascha.de/?page_id=393
    Ich habe aus Sicht der Bürgerrechtsbewegung den politischen Prozess verfolgt, teilweise auch mit gestaltet und sehe hier viele Probleme in der Praxis die zu einer strukturellen Benachteiligung von Bürgerinteressen führen. In Brüssel ist es beispielsweise so, dass wir als Bürgerrechtsvertreter grundsätzlich in der absoluten Minderheit vertreten sind. Große Unternehmen und Think-Tanks leisten sich währenddessen professionelle Lobbyisten.

    Meinen Job habe ich nicht nach Geld ausgewählt, sondern nachdem, ob ich ihn mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann. Ich hätte ohne Probleme in die Unternehmensberatung oder ähnliche Bereiche gehen können die besser bezahlt werden. Stattdessen bin ich Verbraucherschützerin geworden.

    Ich hoffe das beantwortet deine Frage,

    Katta

  • Hallo Kattascha,

    ich verstehe was du meinst, aber kann mich deinen Aussagen nicht anschließen. Mir kommt zu viel Sozialneid bei dir durch. „Anzugträger“ werden stigmatisiert, warum? Du haust drauf auf alles Etablierte, warum?

    Du willst mehr Leute aus der Mitte des Lebens im Parlament, das will ich auch. Weniger Berufspolitiker, mehr normale Menschen.

    Aber bist du selber aus der „Mitte des Lebens“? Was hast du bisher gemacht, das dich wählbar machen würde?

    Ist nicht böse gemeint, sollte aber Denkanstoß sein.

    Liebe Grüße Jochen

  • Wow!
    Das war wirklich sehr sehr gut. Eine wachsende Anzahl von Menschen (sogar weltweit) wünscht sich die Veränderungen die Du beschreibst. Vielleicht drücken es die Menschen unterschiedlich aus, aber das Ziel ist das gleiche.

    Lass Dich niemals entmutigen und bleib Deinen Idealen treu, egal auf wieviel Kritik und Widerstand Du stösst.
    Wir Menschen werden die Veränderung herbeiführen, früher oder später, mit oder ohne die Politik.

    Dickes Lob! 🙂

  • Ich habe das schon richtig verstanden. In letzter Zeit werden in dieser Partei leider nur zuoft die Anzugträger angepup*t. Und das hast Du rednerisch ausgenutzt. Fand ich keine schlechte Taktik. Die „Schnittchen“ werden von Dir dann auch mit „liebe Piraten und Piratinnen“ angeredet.

  • Moin,

    ich hoffe du verstehst wie das eigentlich gemeint war. Ich meine die geistigen Anzugträger und Lobby-Schnittchen 😉

    Grüße,

    Katta

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