Frauke Petry & Familienpolitik: Der innere Widerspruch

Gleich vorweg: Es wird sehr privat in diesem Interview von Frauke Petry mit Tilo Jung von Jung & Naiv. Mit großen Gesten und kleinen Abstechern in die Vergangenheit menschelt die AfD-Chefin bei bestem Wetter vor Kulisse des Bundestags. Frisch getrennt, berufstätig, Familienmensch – Mit einer Frau wie Frauke Petry an der Spitze wirkt die AfD in Sachen Familienpolitik gar nicht so konservativ.

Frauke Petry: „Ich habe erlebt, wie meine Mutter als Rabenmutter bezeichnet wurde von den Klassenkameraden. Nicht unbedingt, um mich zu ärgern, sondern weil das eine Terminologie war, die es im Westen gab und die es im Osten nicht gab. Weil sie arbeitete, was in den 90ern für viele Mütter im Westen überhaupt nicht normal war. Ich bin selbst als solche bezeichnet worden, als 2002 unsere erste Tochter zur Welt kam, weil ich sie mit sieben Monaten in einer Studentenwerkskinderkrippe abgegeben habe, um meine Promotion weitermachen zu können parallel. Also da sind so viele kleine Streiflichter, die einen zum Überlegen bringen und die letztendlich auch dazugeführt haben zu sagen: Doch, ich möchte ganz gern – obwohl ich es nie geplant habe – etwas verändern in diesem Land.“

Grund genug, sich die Familienpolitik der AfD einmal genauer anzuschauen und herauszufinden, wie das Land mit der AfD genau verändert werden soll. Und ob Frauen, die sich wie Frauke Petry gegen das klassische Rollenmodell der Ehefrau und Hausfrau entscheiden, davon profitieren.

Familienpolitik: Ein Leitbild aus dem 60ern

„Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur traditionellen Familie als Leitbild. Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. In der Familie sorgen Mutter und Vater in dauerhafter gemeinsamer Verantwortung für ihre Kinder.“
AfD-Grundsatzprogramm, S. 41

Familienpolitik ist aus Sicht der AfD vor allem die Förderung der „traditionellen“ Familie, die zugleich auch als Leitbild dienen sollt. Die traditionelle Familie ist also nicht automatisch dort, wo Kinder sind. Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Unverheiratete, Geschiedene und Homosexuelle gehören aus Sicht der AfD nicht dazu und haben daher auch keinen Anspruch auf den gleichen staatlichen Schutz. Das bedeutet nicht, dass Alleinerziehende komplett hängen gelassen werden. Eine solche Forderung wurde nach öffentlichem Protest aus dem Entwurf des Leitantrags für das Grundsatzprogramm wieder gestrichen: „Eine staatliche Finanzierung des selbstgewählten Lebensmodells ‚Alleinerziehend‘ lehnen wir jedoch ab“, hieß es da noch. Trotzdem geizt die AfD in ihrem endgültigen Grundsatzprogramm nicht mit Kritik.

„Wir wenden uns entschieden gegen Versuche von Organisationen, Medien und Politik, Einelternfamilien als fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf zu propagieren.“
AfD-Grundsatzprogramm, S. 44

Worte wie diese klingen fast so, als wäre der Schritt zur/zum Alleinerziehenden eine durch Medien beeinflusste Mode. Und als sei es nicht notwendig, diese Lebensrealität vieler Kinder auch in Medien und Schule abzubilden. Als wäre alles besser gewesen als die Scheidungsrate noch im Keller war. In den 60ern. Dass dies oft ökonomischer Abhängigkeit geschuldet war oder gesellschaftlichem Druck – geschenkt. Dabei müsste gerade Frauke Petry wissen, dass die Lebensrealität vieler Frauen eine andere ist.

Abtreibung: „zu leicht gemacht“

Petry gibt im Interview selbst an, einmal an einer Konfliktberatung teilgenommen zu haben. Von einem Verbot sei aber bei ihr nie die Rede gewesen:

Frauke Petry: „Ich finde es schade, dass es nach wie vor so viele Abtreibungen in Deutschland noch immer gibt. […] Und ich finde es schlimm, dass eine so reiche Gesellschaft viele junge Frauen nicht dazu bewegen kann, die Kinder zu bekommen, wenn sie ungewollt schwanger werden.“

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Im Programm der AfD klingt das allerdings so:

„Dabei liegt nur bei drei bis vier Prozent eine medizinische oder kriminologische Indikation vor, in allen anderen Fällen wird der Schwangeren nach einer Beratung eine Bescheinigung ausgestellt, die ihr eine straffreie Abtreibung aus „sozialen Gründen“ ermöglicht. […] Wir fordern daher, dass bei der Schwangerenkonfliktberatung das vorrangige Ziel der Beratung der Schutz des ungeborenen Lebens ist. Die AfD wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären.“
AfD-Grundsatzprogramm, S. 44

Wenn vorrangiges Ziel der Konfliktberatung nicht mehr das Wohl der Mutter, sondern Schutz des Embryos ist, dann werden dort eben nicht alternative gleichwertig Optionen aufgezeigt. Sondern Druck ausgeübt auf Frauen, die sich in einer emotional schwierigen Situation befinden. Von Seiten des christlich-konservativen Flügels hinter Beatrix von Storch ernten solche Forderungen Applaus. Im Wahlkampf 2014 sprach Frauke Petry mit der Neuen Osnabrücker Zeitung noch so über Abtreibung:

Neue Osnabrücker Zeitung: „Die Alternative für Deutschland (AfD) erwägt eine Volksabstimmung zur Verschärfung des Strafrechtsparagrafen 218. Das sagte die Bundessprecherin und Mitbegründerin der AfD, Frauke Petry, in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Für viele Mitglieder sei die seinerzeit heiß umstrittene Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch unter ethischen Gesichtspunkten nicht abschließend geregelt, erklärte Petry. Eine Änderung könne zudem ein Mittel gegen den Kindermangel in Deutschland sein.“

Das klingt leider gar nicht mehr so sehr nach „mein Körper gehört mir“.

Vater & Mutter: Das Rollenbild ist in Stein gemeißelt

„Die AfD möchte eine gesellschaftliche Wertediskussion zur Stärkung der Elternrolle und gegen die vom „Gender-Mainstreaming” propagierte Stigmatisierung traditioneller Geschlechterrollen anstoßen.“
AfD-Grundsatzprogramm, S.41

Für die AfD ist das Rollenbild von Mann und Frau in Stein gemeißelt. Dabei können auch nicht-traditionelle Geschlechterrollen zu einer Stärkung der Elternrolle führen. Wer sagt denn, dass es tatsächlich besser für das Kind ist, wenn nur Mama zu hause bleiben kann mit staatlicher Förderung und gesellschaftlicher Akzeptanz? Es gibt immer mehr Frauen, die – wie Frauke Petry – nach der Geburt schnell wieder in den Beruf wollen. Frauke Petry kritisiert der Verurteilung solcher Frauen als „Rabenmutter“. Die AfD sollte sich eingestehen, dass die traditionellen Geschlechterrollen als Leitbild und Norm – also gesellschaftliche Erwartungshaltung an Frauen – ihren Beitrag hierzu leisten. Wer Leitbilder definiert impliziert auch, dass Abweichler ausgegrenzt werden. Das gilt natürlich auch für Väter, die sich auf der Arbeit dafür rechtfertigen müssen, dass sie die volle Elternzeit für sich beanspruchen.

LGBT: Vielfalt unerwünscht

„Eine einseitige Hervorhebung der Homo– und Transsexualität im Unterricht lehnen wir ebenso entschieden ab wie die ideologische Beeinflussung durch das „Gender-Mainstreaming“. Das traditionelle Familienbild darf dadurch nicht zerstört werden. Unsere Kinder dürfen in der Schule nicht zum Spielball der sexuellen Neigungen einer lauten Minderheit werden.“
AfD-Grundsatzprogramm, S. 54

Wer Kindern nicht bereits in der Schule erklärt, dass es gleichgeschlechtliche Liebe und Transsexualität gibt, enthält ihnen einen Teil der Lebensrealität vor. Familien, deren Eltern in dieser Hinsicht vom traditionellen Familienbild abweichen, würden dann praktisch nicht mehr im Unterricht vorkommen. Kinder, die womöglich selbst langsam merken, dass sie nicht der sexuellen Norm entsprechen, werden ohne Anknüpfungspunkt sich selbst überlassen. Eine Ehe für alle lehnt Frauke Petry ab. Eine Einschränkung des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare findet sie angemessen, obwohl sie zugleich keine Gelegenheit auslässt, um den Kindermangel in Deutschland zu beklagen. Doch es geht noch weiter:

Frauke Petry: „[…] Und wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland nicht mehr damit auskommt, ohne das schwule Pärchen, das dann ganz toll gefunden wird von Mutter und Vater, die nach Hause kommen,…“

Tilo Jung: Dann guckst du weg?

Frauke Petry: Nein, da brauche ich nicht wegzugucken, weil ich zum Fernsehen gar keine Zeit habe. Aber dann möchte ich einfach nicht, dass das zum Standard erhoben wird.“

In der Welt der AfD sollen Minderheiten praktisch nicht mehr vorkommen. Dafür ist in dem homogenen Weltbild der 60er kein Platz.

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Karrierefrauen: Wie Frauke Petry sich selbst verleugnet

„Die aktuelle Familienpolitik in Deutschland wird bestimmt durch das politische Leitbild der voll erwerbstätigen Frau, so dass die Anzahl außerfamiliär betreuter Kleinkinder stetig ansteigt. Die sichere Bindung an eine verlässliche Bezugsperson ist aber die Voraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung kleiner Kinder und bildet die Grundlage für spätere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit.“
AfD-Grundsatzprogramm, S. 43

In Programm-Abschnitten wie diesen ist kein Wort davon, dass auch der Vater zu Hause bleiben könnte. Mütter, die – wie Frauke Petry – früh arbeiten gegangen sind, kennen solche Vorwürfe der Vernachlässigung ihrer Kinder. Sie fühlen sich nicht schön an. Sie schmecken nach Unmündigkeit. Nach Abhängigkeit und gesellschaftlichem Druck. Wer Kinder in Betreuung gab, galt lange als schlechte Mutter. Wer sich scheiden ließ, als schlechter Mensch. Und wer von klassischen Geschlechterrollen (Frau = Mutter, Vater = Ernährer) abwich, der geriet schnell gesellschaftlich ins Abseits. Hinter der Fassade der heilen Welt verbarg sich viel Leid und gefangen-sein in fremden Lebensentwürfen. Im AfD-Programm werden ungeachtet dessen die 60er Jahre in den leuchtendsten Farben heraufbeschworen. Auf die Frage, ob sie eine Feministin sei, antwortete Frauke Petry im Interview trotzdem:

Frauke Petry: Ich hin eine, wenn Familie, Frausein und Unabhängigkeit zusammengehören, dann ja.

Warum sie dann politisch Lebensentwürfe zu Leitbildern verklären will, die zu starr für ihr eigenes Leben waren? Eine Vermutung: In einer Partei, die zu 71 Prozent von konservativen Männern gewählt wird, kommen solche Positionen gut an. Es ist eben keine Partei für feministische Positionen. Eher für eine Zeitreise zurück in die 60er Jahre.

8 Gedanken zu „Frauke Petry & Familienpolitik: Der innere Widerspruch

  • Lieber Herr Harnau,

    am liebsten würde ich mich tatsächlich mehr mit positiven Alternativen beschäftigen. Nun ist es aber leider so, dass ich als Ausländerin in Deutschland nicht tatenlos zusehen will, wie eine rechte Partei wächst und ihren Hass verbreitet.

    Herzliche Grüße,

    Katharina Nocun

  • Sehr geehrte Frau Nocun,

    ich teile im Großen und Ganzen ihre Analyse und auch Kritik an der AfD. Was ich in der Tat aber auch nicht so ganz nachvollziehen kann, dass sich dieser Blog so fast ausschließlich nur mit dieser Partei auseinandersetzt.

    Die Gründe, warum die AfD solch einen Zulauf hat liegen leider in der Politik der letzten Jahrzehnte, welche von den etablierten Parteien zum Unwohl der deutschen und im Grunde der meisten europäischen Bürger gemacht wurde. Das sollte ihnen als ehemalige Geschäftsführerin der Piraten sicherlich bewusst sein.

    Sie verwenden hier in ihrem Blog also die Energie auf ein Symptom statt auf die Ursachen zu schauen. Wer also sind die Wähler der AfD, warum sind sie so Angstbehaftet, dass sie solche Feindbilder wie „Ausländer“ bzw. „Flüchtlinge“ benötigen, um sich evtl. wieder als etwas Besseres zu fühlen? Vielleicht sind sie Verlierer der Aushöhlung unseres Sozialstaates, abgehängt und perspektivlos, weil sie in diesem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem keinen Wert mehr haben.

    Und vielleicht erkennen die AfD Wähler nicht die wahren Ursachen, nämlich eine Politik, die das Großkapital und Konzerne schützt, die Kriege anzettelt, weil es ein großes Geschäft ist, die das soziale im weltweiten Wettbewerb immer weiter reduziert, Umwelt die zerstört und alles dem ökonomischen Denken unterordnet und einer Gesellschaft, die das alles fast ohne Widerstand zulässt.

    Was wir brauchen sind tatsächlich alternative Lösungen, aber nicht die Alternative für Deutschland. Wir sollten schauen, welche Alternativen zu unserem Finanz- und Wirtschaftsystem es gibt, wie könne eine umweltverträgliche, soziale und kooperative Wirtschaft und Gesellschaft aussehen?

    Schreiben sie in ihrem Blog doch mal über Lösungen, wie sie in dem Film: „Tomorrow-die Welt ist voller Lösungen“ gezeigt werden oder über die hunderten Initiativen wie „Mehr Demokratie“, „Gemeinwohlökonomie“, „Solidarische Landwirtschaftsmodelle“ usw. und sie werden sehen, das macht mehr Spaß, als sich an der AfD abzuarbeiten. Denn die Lösungen für Veränderung werden nicht aus der Politik kommen sondern nur aus den zivilgesellschaftlichen Bewegungen, welche gerade einen großen zulauf an engagierten Mitbürgern bekommen.

    In diesem Sinne wünsche ihnen postive Energie und verbleibe

    mit herzlichen Grüßen

    Christof Harnau
    Vorstand des Gemeinwohlökomie Berlin Brandenburg e.V.

  • Nichtbeachtung ist die beste Prävention. Du beißt dich in etwas fest, die Afd ist wie die Piraten einst, bald ein chronisches temporäres Event, Punkt.

  • Eine gute und korrekte Analyse sowie Aufzeigen der permanenten Heuchelei, Doppelstandards sowie Moral von Fr. Petry (alles Anzeichen für intellektuell eher niedriges Niveau oder ganz einfach um möglichst vielen potentiellen Wähler zu „gefallen“, also die nächste „Fahne nach Windrichtung“ Politikerin, die man nicht braucht). Nur der letzte Abschnitt hat finde ich einen Fehler. Sie schreiben zwar korrekt „In Programm-Abschnitten wie diesen ist kein Wort davon, dass auch der Vater zu Hause bleiben könnte“, aber es wird auch nicht explizit erwähnt, dass die Frau zuhause bleiben soll.

    Mit den anderen Textausschnitten aus dem Grundsatzprogramm und eben der Leitlinie „traditionelles Familienbild“ kann man das natürlich ableiten, aber dennoch wird es bei dem Zitat eben nicht explizit erwähnt, somit ist auch die Kritik an der Stelle unpassend. Soviel Präzision sollte dann schon sein, der Rest des Artikels genügt ja auch diesem Anspruch.

  • @Sido: Wenn dir das Ergebnis der Analyse nicht passt, kommst du schnell mit einem Strohmannargument. Für mehr reicht es nicht, oder wie?

  • wenn du schon dabei bist, analysier doch mal die programme der anderen parteien aus selben blickpunkt.. achne dafür gibts ja keine prämie, lohnt sich nicht 😉

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