Diesel, Diesel über alles!

An manchen Tagen schäme ich mich für mein Umfeld. Gestern war so ein Tag. Als das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verkündete, Fahrverbote für Diesel könnten eine Option sein, kannte die Schadenfreude Einiger keine Grenzen. Endlich sind die „Dreckschleudern“ aus der Stadt verbannt. Diese „Stinker“ wollten es ja auch nicht anders lernen. „Habe ich es doch gleich gesagt, dass es so kommen wird“. Zwischen Schadenfreude und Gehässigkeit ist ein schmaler Grad, der an diesem Tag von Vielen genüsslich überschritten wurde. Wer für saubere Luft in Innenstädten kämpft, mag sich über das Urteil freuen. Ich für meinen Teil bin keineswegs nur glücklich über die Folgen.

Denn im Kern ist doch folgendes passiert: Die Verursacher des Diesel-Skandals können weiter wirtschaften wie bisher und brauchen sich um das Elend ihrer verarschten Kunden nicht zu kümmern. Millionen von Kunden, die in gutem Glauben ein Auto gekauft haben, bangen nun darum, ob sie damit überhaupt noch in die Stadt fahren können. Das sind nicht die Porsche Cayenne Fahrer, sondern ganz normale Leute. Menschen, die Teils Jahre auf ein Auto gespart haben. Azubis, Krankenschwestern, Arbeiter. Fahrverbote brauchen die Chefetage von VW nicht zu kümmern – dann lässt man sich eben mit dem Benziner zum Büro chauffieren. Wer in Zukunft draußen bleiben muss ist der Berufsschüler mit seinem ersten Auto, die Familienkutsche und der Berufspendler.

Millionen haben in den letzten Jahren ganz bewusst aus finanziellen Gründen zum Diesel gegriffen, weil es sich bei langen Strecken einfach langfristig bezahlt macht. Nun könnte das Auto nicht nur bald unbrauchbar sein, auch der Wiederverkaufswert ist rapide gesunken. Und nein, wer auf dem Land lebt und mit dem Auto in die Innenstadt pendelt kann nicht einfach auf das Auto verzichten. Nicht, wenn der Bus wochentags nur zweimal am Tag hält und am Wochenende gar nicht. Ein lapidares „Da haste eben Pech gehabt“ ist mehr als unangemessen in Anbetracht der Situation. 250 Millionen Euro haben die Autohersteller als Reaktion auf den Diesel-Skandal als Soforthilfe für von Feinstaub geplagte Kommunen versprochen. Sollten nun wirklich die ersten Fahrverbote kommen, ist dieser Betrag ein Witz. Denn bei den Verbrauchern laufen ganz andere Kosten auf.

Es ist ein Fakt, dass die Grenzwerte in zahlreichen Städten seit Jahren überschritten werden. Es ist ebenfalls Fakt, dass Diesel-Autos den Hauptanteil am Stickoxid-Ausstoß haben. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Verantwortlichen für die Misere nicht allein die PKW-Fahrer sind. Der Staat hat in den letzten Jahrzehnten trotz besseren Wissens auf finanzielle Anreize für den Diesel gesetzt. Beim Ausbau von benutzbaren Alternativen für Pendler haben viele Städte ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Deutsche Autohersteller haben bei den Grenzwerten ihrer Diesel-Fahrzeuge geflunkert. Nun heißt es, nachträgliche Software-Updates für die betroffenen Modelle reichen nicht aus. Eine Nachrüstung zu bezahlen ist den Konzernen aber zu teuer. Der Staat überlegt nun sogar mit Steuergeld einzuspringen. Sollte das passieren, betrifft dieser Skandal nicht mehr nur die Diesel-Fahrer sondern uns alle. Denn die Kosten dieser Fehlwirtschaft werden einmal mehr auf den Bürger abgewälzt. Und das ist der eigentliche Skandal.


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Ein Kommentar

  1. Bisher war es so, dass die Autoindustrie subventioniert wird, indem Gesetze von Herstellern und Regierung ignoriert wurden, den Preis haben alle atmenden Menschen mit ihrer Gesundheit gezahlt.
    Das Urteil ist trotz allem die weniger schlechte Variante:
    Wären Fahrverbote abgelehnt worden, wäre die Einhaltung der Grenzwerte wohl auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben worden, Hamburg plante zeitweise im Luftreinhalteplan, ab 2030 die seit 2010 verpflichtend geltenden Grenzwerte einzuhalten.
    Jetzt ist die Bundespolitik gefordert, den Städten eine bessere Alternative anzubieten:
    Eine blaue Plakette, die alle Diesel ohne real niedrigen NOx-Ausstoß und alle Benziner mit hohem Feinstaubausstoß (die legal noch bis diesen August verkauft werden dürfen) aus Umweltzonen raushält, wäre deutlich besser. Damit können Dieselfahrzeuge für ca. 1500€ nachgerüstet werden, ein Totalverlust droht niemandem. Bei Euro 5 und Euro 6-Dieseln muss der Hersteller zahlen, da diese nach geltendem Gesetz bereits sauber sein sollten.
    Mittelfristig muss die Dieselsteuer bezogen auf CO2 an die Benzinsteuer angepasst werden – dann wird sich kaum jemand mehr einen Diesel kaufen, da dieser sich ja nur aufgrund der Kraftstoffsubventionen rechnet. Und wenn kurzfristig die rußenden Smarts und co ausgesperrt/nachgerüstet sind, kann man sich den mittel und langfristig wirkenden Maßnahmen widmen. Und sich auch mal den ganzen anderen Schadstoffen zu widmen, die bisher (teils vermutlich berechtigt) noch weniger im Fokus stehen.

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