Die fetten Jahre sind vorbei

Äußerlich hat sich Deutschland nicht verändert. Die Sonnencreme riecht nach Urlaub. Die Kinder schreien nach Eiscreme. Und doch scheint das hier und jetzt Jahre entfernt von der Zeit, als die Piratenpartei noch als größte reale Bedrohung der parlamentarischen Demokratie galt. Wie klein und einfältig wirken die damaligen Sorgen doch aus heutiger Perspektive.

Jedes Mal, wenn ich baden gehe, erscheint nun Gauland in Badehosen vor meinem inneren Auge. „Wir holen uns unser Land zurück“, haben sie gesagt. Für die Kinder und so. Aber ich für meinen Teil will gar keine tausendjährige Zukunft. Mir reicht es schon, wenn bis zu meiner Rente die Sozialsysteme nicht zusammenbrechen. Oder mein Haus nicht angezündet wird. Auch ich habe Angst vor dem Untergang des Abendlandes. Aber anders.

Das Gift der AfD

Deutsche Zeitungen zu lesen fühlt sich seit einigen Monaten an, als würde man einer Kneipenschlägerei beiwohnen. Man fragt sich, wie etwas nur so schnell so sehr eskalieren konnte. Man wünscht sich fast, es läge an einem kollektiven Sonnenstich. Die AfD wirkt. Ihr Gift entfaltet auch in kleinen Dosen seine Wirkung.

Der eigentliche Feind der Gaulands und Höckes ist nicht der Islam. Es sind vielmehr die Errungenschaften der Aufklärung. Wie viel muss eigtnlich schon kaputt sein, wenn Debatten darum kreisen, ob es nicht schon „zu viel Gleichberechtigung“ gibt. Ist „Gender-Wahn“, wenn man gleiches Geld für gleiche Arbeit fordert? Sind „konzentrierte Lager“ wirklich eine Formulierung, die man als deutscher Innenminister wählen sollte? Seit wann ist „Asyltourist“ überhaupt für ein Wort? Apartheid heißt jetzt Ethnopluralismus. Es scheint als sei die Universelle Erklärung der Menschenrechte wenig mehr als ein launiger Sommertrend gewesen.

Große politische Veränderungen kommen selten über Nacht. Sie sind immer die Summe vieler kleiner Schritte. Erst im Nachhinein können intellektuelle Klugscheißer zielsicher den Punkt benennen, an dem wir noch hätten umdrehen können. Wenn man mittendrin ist, Teil davon, dann nimmt man vieles als selbstverständlich, als Lauf der Dinge, hin. Immer noch ein bisschen. Und noch ein bisschen. Bis aus Scheiße irgendwann Normalität wird. Auf mich wirkt die Normalität gerade ziemlich scheiße.

Fremd im eigenen Land

Ich fühle mich nicht nur fremd im eigenen Land. Ich bin es auch. Im Europa der „Vaterländer“ ist kein Platz für Menschen wie mich. Das liegt weniger an mir, als an den anderen. Der neue Zeitgeist erklärt mich überall zur Fremden. Den Deutschen bin ich zu Polnisch. Den Polen zu Deutsch.

Wenn ich über die mit Touristen zugemüllte Promenade an der polnischen Bernsteinküste flaniere, fühle ich mich wie der unglücklichste Mensch weit und breit. Denn zwischen Ständen mit Badetüchern und Postkarten hängen jetzt vereinzelt diese neuen T-Shirts. „Verteidiger“ steht darauf. Oder „Stolzer Nationalist“. Die Polen haben sich daran gewöhnt. Die deutschen Touristen verstehen es nicht. Wenn dann Abends in der Kneipe der Nachrichtensprecher über die Opposition herzieht, wünsche ich mir, ich würde es ebenfalls nicht verstehen. Urlaub wäre einfacher, wenn man dabei nicht das beklemmende Gefühl hätte, einen Blick auf die düstere Zukunft Europas zu erhaschen.

Wir waren nie wirklich hungrig

Ich habe mich immer sehr darüber geärgert, dass meine Großmutter zu Lebzeiten nie aufhören konnte, Essensvorräte zu horten. Ein Großteil wanderte ungeöffnet auf dem Müll. Immer wenn ich da war, sortierte ich abgelaufene Lebensmittel aus. Ich könne das nicht verstehen, sagte meine Großmutter. Ich könne das nicht verstehen, denn ich wäre in meinem Leben niemals wirklich hungrig gewesen. Sie hatte recht. Vielleicht ist das auch der Kern des Problems.

Die großen Desaster der menschlichen Geschichte sind weit weg und schwarz-weiß. Das hat alles nicht mit uns zu tun. Der Rückzug ins Private ist schrecklich bequem, wenn Netflix einem den Abend versüßt. Dabei sind Frieden und Demokratie in Europa leider nicht das Ende der Geschichte, nach dessen Erreichen man sich entspannt zurücklehnen kann. Wir sind Nutznießer einer äußerst glücklichen Anomalie. Einer temporären Anomalie namens Frieden und Demokratie in Europa. Wir wissen einen scheiß darüber, wie zerbrechlich dieses Konstrukt ist. Wir begreifen nicht, was uns jenseits davon erwartet.

Wir halten uns für etwas besseres, als unsere Eltern, Großeltern und deren Eltern. Aber das sind wir nicht. Usere schreckliche Arroganz macht uns sogar noch blinder für das offensichtliche. In Wahrheit entscheiden nicht der Ausbau des Glasfasernetzes darüber, wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist. Heute basteln wir an künstlicher Intelligenz und selbstfahrenden Autos und sind trotzdem so dumm wie vor hundert Jahren. Wir springen auf die selben primitiven Reflexe an.

Zurück in die Barbarei

Der sich derzeit vollziehende Rechtsruck der Gesellschaft bedeutet im Kern nichts anderes als Rückfall in die Barbarei. Der Mensch soll dem Menschen wieder ein Wolf werden – es sei denn man ist vom selben Rudel. Konsens und Kompromiss sind auf dem Weg ein Schimpfwort zu werden. Aber wenn das „Volk“ sich immer einig sein soll, dann hat das mit Demokratie nichts mehr zu tun.

Unsere Urgroßeltern würden uns heute – wenn sie könnten – eine Backpfeife nach der anderen verpassen. Wie ich finde vollkommen zu recht. Eine Unart des Menschen ist es oft erst zu begreifen, was man hatte, wenn etwas unwiederbringlich verloren ist. Es wäre wünschenswert, wenn es diesmal anders wäre.

Jetzt wäre nicht der Zeitpunkt um sich zurückzulehnen. Jetzt ist der Zeitpunkt um dagegen zu halten. Denn das einzige Immunsystem, das unsere Gesellschaft vor dem Abdriften schützen kann, sind wir selbst.

 


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18 Kommentare

  1. Dieser Text hat mich sofort angesprochen, als ich ihn das erste Mal gelesen habe, dann „versteckte“ er sich etwas in den Browser-Tabs und jetzt beim „verbloggen“ fällt er mir wieder in die Hände und mir fallen instantan meine Gedanken hierzu wieder ein. Der Artikel spricht mich auf mehreren Ebenen an:

    Es sind die Gedanken eines jungen Menschen (mit Anfang/Mitte 30 ist man IMHO noch jung), die eine graue Zukunft zeichnen. Da ist nichts von der einem zu Füßen liegenden Welt, wie sie unsere Eltern vorfanden und genutzt haben. Das Politische und noch viel mehr ist privat, möglichst wenig Konfrontation mit der Außenwelt. Und das spiegelt meiner Meinung auch den politischen Mainstream wider, in dem das Thema Zukunft nicht viel Platz hat; wird denn ernsthaft über Bildung, Verkehrs- und Energiewende oder Entrepreneurship diskutiert? Wozu auch, man hat ja „die Ausländer“. Da bekommt man Kopfschmerzen, wenn ständig der Kopf auf die Tischplatte fallen möchte.

    Paradox ist dabei, dass uns die vorherigen Generationen in den 73 Jahren seit Ende des zweiten Weltkriegs den Weg zu unfassbarer Freiheit geebnet haben. Aber es ist wohl doch ein Unterschied, ob man sich den Weg mit der Machete freischneiden muss oder anschließend über den frischen Teer laufen kann. Genau so, wie Straßen regelmäßig instand gesetzt werden müssen, müssen wir auch die erkämpfte Freiheit leben und verteidigen. Hoffentlich hilft dieser Artikel dabei hierfür das Bewusstsein zu schaffen.

    Zu guter Letzt ist die Couch natürlich super bequem und solange man seine Katzenvideos posten oder den komischen Nachbarn online stalken kann, braucht man natürlich nicht nach draußen gehen. Ich glaube allerdings, dass wir diese Konfrontation des eigenen Weltbildes mit der Realität regelmäßig brauchen, online und vor allem auch offline. Ansonsten merken wir gar nicht, wie sich die Erde weiter gedreht hat und mancher käme auf die Idee in eine verklärte Vergangenheit zurück zu wollen.

  2. Die AfD ist keine Ursache sondern Produkt einer Entwicklung die seit dem Ende des Ostblocks begonnen hat. Mit dem Westen und seinen weitgehend privat organisierten Kapitalismus und dem Ostblock mit seinen weitgehend staatlich organisierten Kapitalismus (1) standen sich zwei konkurrierende Systeme gegenüber. Im Westen, vor allen in Europa, musste man den Menschen zeigen das das westlich kapitalistische System für sie besser als das System des Ostblocks war. Deswegen wurde der Westliche Kapitalismus wie der berühmte Wolf im Schafspelz als ‚Soziale Marktwirtschaft‘ getarnt und auch an diversen anderen Stellen eingeschränkt und abgemildert. Nach dem Ende des Ostblocks gab es keinen Grund mehr dieses Schauspiel aufrecht zu erhalten und so ging man daran es Schritt für Schritt abzuschaffen. Die Arbeitnehmerrechte wurden beschnitten, die Polizei bekam mehr Rechte, die Überwachung und Kontrolle wurde ausgebaut. Klar gab es auch bei den Parteien Widerstand, doch ist dieser inzwischen weitgehend versieg. Einer der neuesten Schritte in dieser Entwicklung ist nebenbei bemerkt das bayerische PAG und ähnliches Gesetze in den anderen Bundesländern. Natürlich hat diese Entwicklung sehr viele unzufriedene Menschen produziert die dann den Rattenfängern in der Politik in die Arme laufen. Momentan vor allen der AfD. Diese hätte früher als es den Menschen noch relativ gut ging (2) wenig bis keine großen Chancen gehabt. Doch heute wo die Menschen sich fragen wie es in Zukunft weiter gehen soll, ob sie ihren Status in Zukunft noch halten werden können etc. verfangen die stumpfen Parolen der AfD die auf den immer noch in weiten Teilen der Bevölkerung unterschwellig vorhandenen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen.

    Sprich die AfD so stark wie sie jetzt ist, ist ein Symptom und keine Ursache.

    (1) In der Tat wurde im Ostblock nie ein antikapitalistisches System umgesetzt. Die Zentralverwaltungswirtschaft (Planwirtschaft) war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, man hatte letztendlich auf das falsche Pferd gesetzt. Sozialistischen oder Kommunistischen Idealen kam man nicht im geringsten nahe.

    (2) Es geht den meisten rein materiell relativ gut, aber die Decke wird dünner.

  3. „… mir reicht es schon, wenn bis zu meiner Rente die Sozialsysteme nicht zusammenbrechen …“ Dass will nicht zur Kritik an anderen Egoismen, die gerne mal euphemistisch als „Rückzug ins Private“ apostrophiert werden, passen. Für eine ironische Auslegung dieser Zeile ist mir der Rest des Textes zu ernsthaft.
    Dennoch empfinde ich die beschriebene Situation ähnlich.
    „… Den Deutschen bin ich zu Polnisch. Den Polen zu Deutsch.“ Das ist eine Beobachtung, die nicht nur Menschen mit zwei Herzensländern machen müssen. Als Kind aus Sachsen Anhalt galt ich den Berlinern als Sachse und den Sachsen als Berliner. Das lässt sich beliebig bis zu den Familien Montague und Capulet herunterbrechen und funktioniert trotz aller Aufklärung immer noch trefflich.
    „…Und doch scheint das hier und jetzt Jahre entfernt von der Zeit, als die Piratenpartei noch als größte reale Bedrohung der parlamentarischen Demokratie galt.“ Ist (War) die Piratenpartei nicht nur eine Seite der gesamtgesellschaftlichen Entsolidarisierungsmedaille auf deren anderer Seite das Logo AfD prangt?
    Wie ernst kann Mann und Frau Menschen wie Frithjof Binder nehmen, der, wie hier in den Kommentaren zu lesen, Gerhard (Neo) Schröder für einen „Heroen der 68ger“ (Fehler im Original) halten? Eben jener Gerhard (Ich diene nur meinem Land.) Schröder illustriert auf das Trefflichste wohin eine Welt mit globalisierten Konzernen driftet, wenn gleichzeitig durch verantwortungslose Politiker nationale Egoismen beschworen werden. Selbstverständlich kann diese Entwicklung als „…Rückfall in die Barbarei …“ beschrieben werden. Und auch die Feststellung von Herrn Binder: „… Und Selbst verständlich kommen große gesellschaftliche Veränderungen auch schon mal über Nacht. (z.B. der Mauerfall in Berlin)“ (Fehler im Original) ist in diesem Zusammenhang denkbar, nur leider nicht so, wie Frithjof Binder und andere Beschwörer von Organisationsebenen es sich träumen lassen. Die Solidarität der Satten wird schnell aufgebraucht sein, wenn klar wird, dass die eigene Vorratskammer auch irgendwann leer ist.
    Wenn es nicht die Verteilungskämpfe um die fossilen Brennstoffe sind, werden es die Verteilungskämpfe um Wasser sein, die die Völker in den Abgrund treiben. Wie sehr wünsche ich, diese Sicht sei falsch, doch wer, wie ich, in der unteren Ebene der ersten Welt zu leben sich gezwungen sieht, kann zu keinem anderen Schluss kommen, als das Charles Bukowski wohl richtig lag: „Einen Grabstein für den ganzen Schlamassel und darauf gehört die Inschrift: Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“
    Dystopische Grüße aus dem Garten

  4. Liebe Frau Nocun.

    M.E. irren Sie in der Auffassung, dass die AFD die Ursache für die geschilderten täglichen kleinen Veränderungen sei. Die AFD ist ebenfalls das Produkt einer gesellschaftlichen Entwicklung die ja nicht nur in Deutschland spürbar ist.
    Sie, die AFD, ist konkretes Abbild all jener Kräfte die noch umkehren wollen, sie repräsentiert daher nicht die Zukunft sondern Zombis der Vergangenheit.

    Das Rad der Geschichte lässt sich nicht umkehren. Es mögen noch so viele Ähnlichkeiten zwischen heute und gestern spürbar und sichtbar sein, aber die Vergangenheit bleibt Vergangenheit. Den lähmenden Schock in den uns die Gewalt der Gegenwart versetzt, Schmerz bedeutet Leben, sollten wir überwinden und die Blicke auf die Bilder fokussieren die uns den Weg in die Zukunft weisen.

    Was ist die Alternative zu Nationalismus, Volk, Patriotismus und Rassismus, alle diese Ableger derselben Ideologie?
    Vielleicht eine Welt ohne Grenzen, in der „Humanismus“ nicht auf einzelne Region begrenzt wird, in der jedem Menschen individuelle Freiheit garantiert wird und die jedem Menschen Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet.
    Das ist keine Utopie sondern die Menschheit bewegt sich darauf zu.

    Ich habe gestern mit einer Kollegin über Gott und die Welt debattiert. Sie war der festen Überzeugung, dass heute kaum jemand mit der 68ger-Zeit tauschen wollte.
    Zwar gibt es hier und da Rückschritte, aber die gesellschaftlichen Rollenbilder haben sich so grundsätzlich geändert, dass selbst Heroen der 68ger wie Schröder, Fischer usw. dagegen heute blass aussehen. Diese Entwicklung ist nicht umkehrbar.

    Die globale informelle Vernetzung holt die Stadt ins Dorf. Die Befreiung des einzelnen Menschen von gesellschaftlichen Zwängen und die Ausbildung freier Individuen setzen damit auch in den verschlafensten Nestern überall auf der Welt ein.

    Dass wir als Einzelne bestimmte Dinge nicht lösen können führt zur Hilflosigkeit und zum Ohnmachtsgefühl wie es auch aus Ihrem Text atmet.
    Ursache hierfür findet sich in der Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips. Dieses Prinzip von oben nach unten betrachtet lautet: Eine höhere Verwaltungs- bzw. Organisationsebene soll sich nicht in Dinge mischen, die die untergeordneten Ebenen eigenständig und sogar besser lösen könnten.
    Was aber, wenn umgekehrt, also von unten nach oben, betrachtet die unteren Ebenen überfordert sind qualifizierte und zukunftssichere Lösungen für gesellschaftliche Probleme wie z.B. Klima, globale Armut, Flüchtlinge, Menschenhandel usw. zu erarbeiten und umzusetzen.
    Es dürfte ja doch klar sein, dass zu ihrer Lösung eine höhere Ebene, also eine die über die nationalstaatliche Organisationsebene reicht, aufgebaut/ ausgebaut werden müsste. Genaugenommen bedarf es, zur Zähmung nationaler Egoismen, nur einer kleinen Korrektur im Organisationsgefüge der Menschheit, ein Globales Rechtssystem. Und Selbst verständlich kommen große gesellschaftliche Veränderungen auch schon mal über Nacht. (z.B. der Mauerfall in Berlin)

    Frithjof Binder

  5. Bin über #metwo hier gelandet. Danke für den großartigen Artikel! Jetzt ist genau die Zeit, von der man einmal nicht verstehen können wird, wieso man es nicht hat kommen sehen. Umso wichtiger ist es, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus konsequent entgegenzutreten und die autoritären politischen Kräfte, die sie betreiben, zu bekämpfen!

  6. Das Recht, das Grundgesetz, die Menschenrechte und die Werte, die auch in den EU-Verträgen, in der UN Agenda 2030 und im Pariser Klimaabkommen niedergelegt sind, werden nur durch richtige, lebendige Menschen von Fleisch und Blut verteidigt und – wo nötig – (wieder)errungen. Es ist Zeit, dass wir laut, lauter, noch viel lauter werden als bisher und das Recht, das Grundgesetz, die Menschenrechte, die Werte in den EU-Verträgen, in der Agenda 2030 und im Pariser Klimaabkommen einfordern. Und nicht nachlassen. Das ist mehr als ein Klick im Netzt. Das Fleisch muss aus dem Sessel auf die Straße (Blut darf nicht fließen). Das Klicken kommt dann dazu.

  7. Ich fand den Artikel ganz gut – bis zum „Rechtsruck der Gesellschaft“.

    Wer glaubt, daß die Gesellschaft nach rechts gerückt ist, glaubt auch, daß Politiker das Volk vertreten. Nein, die Gesellschaft ist dieselbe wie vor 10, 15 Jahren. Nur haben die Nazis sich damals noch nicht getraut, zu sagen, was sie denken, und wenn sie sich getraut hätten, hätten sie noch keine sozialen Netzwerke gehabt, die sie mit ihrem Mist vollkotzen konnten. Damals mußten sie noch raus auf die Straße und ganz analog Häuser anzünden.

    Deshalb konnte eine kleine laut plärrende Minderheit, unterstützt von Bots, den Politikern, Journalisten und Bloggern des Landes damals noch nicht vorgaukeln, sie seien „das Volk“.

    Trotzdem glaubten vor ca. 25 Jahren einige Politiker, Stimmen am rechten Rand abgreifen zu können, indem sie genau das tun, was sie jetzt wieder tun: Asylanten als Sozialschmarotzer hinstellen, so tun, als ob morgen gleich die ganze Welt bei uns Unterschlupf suchte, das Asylrecht aushöhlen. Déja vù.
    Und dann hatte „das Volk“ die Schnauze voll und zeigte den Krakeelern vom rechten Rand, was es von ihnen hält. Dann war erstmal Ruhe.

    Es wird einfach Zeit für einen neuen Aufstand der Anständigen. Ich hoffe, daß die etwas mauen 25.000 in München am 22.7. nur der allererste Anfang waren. Es wird Zeit für eine neue Lichterkette.

  8. Der Bericht ist sehr gut. Ich habe viel von dem Leid des Krieges und die unmittelbare Zeit danach durch meine Großmutter kennengelernt und bin Geschichtlich informiert. Ich denke Gott hat jeden von uns die Aufgabe aufgegeben unser Bestes zu tun, damit sich die Geschichte nie wiederholt. Ich versuche in meiner freien Zeit durch TWITTER schlimmeres zu verhindern.
    Es fehlt bei der Weiterleitung des Kommentar noch Whatsapp.
    Ihnen noch Alles Gute, Siegfried

  9. Ich kennen den Pessimismus aus eigenem Erleben. Lange Zeit dachte ich: In Westeuropa haben die Menschen total vergessen, welche brutalen Wendungen die Geschichte nehmen kann. Goldene Zeitalter gehen vorüber. Inzwischen sehe ich es anders.
    Du schreibst: „Eine temporäre Anomalie namens Frieden und Demokratie in Europa.“ Ich glaube nicht, dass dies eine Anomalie ist, sondern ein Trend, der wahrscheinlich gar nicht mehr umkehrbar ist. Die klassischen zwischenstaatlichen Kriege werden in den nächsten Jahrzehnten weltweit immer mehr verschwinden, weil die Verflechtung von Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und nicht zuletzt der Menschen selbst wächst. Dabei sorgt nichts nachhaltiger für die Demilitärisierung der Geschichte als wirtschaftliche Verflechtung. Das sieht man gerade in den letzten Jahren: Die russischen Manöver hätten früher sofort zu Krieg geführt, heute ist das fast keine Option mehr. Wer seine Soldaten losschickt, gerät in die Isolation. Damit verliert ein Land den Anschluss an die Entwicklung, hat Wohlfahrtseinbußen, bekommt kein Geld mehr geliehen etc. Die nationalistischen Ukraine-Aktionen Putins sind unfruchtbar. Putin lernt das langsam und spielt gerne lange Schachpartien, aber er hat gar keine Möglichkeit mehr, ein Schachmatt zu erreichen – es sei denn durch Auflösen der Kooperation zwischen den Völkern.
    China ist im Verständnis der Weltpolitik 100 Jahre voraus. China stellt Beziehungen und Kooperation in den Mittelpunkt und wächst durch Verflechtung. In Westeuropa ist die Kooperation der Länder schon so dicht und umfassend, dass ich einen Rückfall in Nationalkriege für ausgeschlossen halte, selbst wenn in allen Ländern Nationalisten regieren würden. Kurzum: Die lange Zeit des Friedens halte ich überhaupt nicht mehr für eine Anomalie, sondern für einen systematischen Trend. Europa wird wie Skandinavien – ein Kontinent der Nachbarschaften. Das dauert noch etwas, bis der Letzte gemerkt hat, dass in Europa militärische Fronten gar nicht mehr wirklich möglich sind, aber es wird passieren.
    Solche langwelligen Prozesse sehen von weit weg gar nicht so schlecht aus, aus der Nähe hässlich. Betrachte ich mir die aktuelle Lage mit der Kurzsichtigkeit der Tagesmedien, der Breaking-News, der Bilder – da ergreift mich natürlich auch ein Grausen und die „Angst vor dem Untergang“. Ich vermute aber, dies sind die Begleitschmerzen der langsamen Transformation. Der arabische Raum hängt massiv zurück, in Afrika kommt man momentan besser voran als in Nahost (ging in der Sucht nach Negativ-Nachrichten unter, dass jetzt, nach 20 Jahren Grenzkriege, Eritrea und Äthiopien gerade Frieden geschlossen haben und miteinander zu kooperieren anfangen https://elbo.in/7Fx ).
    Die einzige tiefere Sorge, die mich beunruhigt, ist das steigende Wasser, der Klimawandel. Da gibt es noch böse Reaktionäre. Möglicherweise gehen die rechtsextremistischen Bewegungen aber daran zugrunde, dass sie sich so rabiat auf die mit Sicherheit falsche Seite der Entwicklung stellen. In rund 5 Jahren, schätze ich, ist man Diplom-Idiot, wenn man irgendeine Position in der Nähe der „Climate-change-deniers“ einnimmt.
    Die Fremdenfeindschaft in Europa wächst sich mit der Zeit auch aus. Das dauert möglicherweise am längsten, weil so viel Psychologie und alter Ballast hineinspielt. Ist aber auch nicht aufzuhalten.
    Die Pest des radikalen Islamismus wird schon weniger. Saudi Arabien beginnen Änderungsprozesse – ach, wie langsam geht das voran. Wie fragil wirkt das alles gerade in den Anfängen. Tatsächlich wächst aber überall in Nahost der friedliche Islam und auch Desinteresse an der Religion. Solche Prozesse brauchen Zeit.
    Eine wichtige Rolle spielen immer die, die bislang unterdrückt und benachteiligt sind. In Nahost sind das vor allem die Frauen. Junge erfahrungshungrige, bildungshungrige Frauen sind die Agitatoren für den Pluralismus der Lebensweisen.
    Ich schreibe zu lang, nur weil ich auch was auf dem Herzen habe, nämlich nicht über das aktuelle Geschrei und Gebrüll die langfristigen Trends zu übersehen. Die Programme der Nationalisten sind leere Schachteln. Das sind alles Nichtskönner. Da ist nichts, was sie zum Besseren wenden könnten. Einige Menschen merken das nicht. Die meisten Menschen werden es aber irgendwann merken und dann – das ist meine Hoffnung – ist dieser große Begleitkonflikt im Zeitalter des Übergangs zur kooperativen Völkergemeinschaft endgültig abgearbeitet (oder wir sind tatsächlich „doomed“, aber so doof waren die Menschen eigentlich nie ;) ).
    P.S. Neulich habe ich getwittert: „Gegen Verstand kämpfen selbst die Götter vergeblich.“ Das gilt längerfristig. Freuen wir uns aufs 22. Jahrhundert, das 21. Jahrhundert ist definitiv das Wichtigste der Menschheitsgeschichte, danach wird alles besser ;)

  10. Hi Katta du sprichst mir aus dem Herzen mein Vater floh 79 aus dem Iran auch wenn er damals als Anfang 20 Jähriger das ganze Kämpfen in „jugendlicher Naivität“ mehr als Abenteuer sah wie meine Ma und er selbst sagten. Sein Vater schickte ihn zum studieren nach Deutschland. Meine Ma floh als sie 20 war 68 aus Prag hierher. Sie war nun wieder in Prag und war geschockt wie das Gift des Nationalismus sich auch bei den Tschechen reinfließt. Sie hatte auf der Secon dieses Jahr viel mit Tschechischen Piraten darüber geredet. Ich erinnere mich oft wie ich zu meiner Zeit mit Freunden den Überlebenden des Holocaust x Fragen gestellt haben wie es passieren konnte und es kam uns umbegreiflich vor wieso sie nicht sahen was passiert. Sie mahnten uns wie zerbrechlich die Demokratie und Freiheit ist und man immer nur einen Schritt von der Barbarei entfernt ist.

    Wenn ich mit Freunden aus Lviv die ich seit 20 Jahren habe ist es für sie auch überraschend und zerstörend bei all den Widersprüchen was in der Ukraine ist. Ich spreche öfters auf Twitter mit verschiedenen Leuten aus Politik und Journalismus und man merkt viele sehnen sich der Zeit nach als die Piraten „die größte Gefahr für die Demokratie“ waren. Christian Lindner hatte es gut bei der zweiten Sitzung des Landtags in NRW in der neuen Wahlperiode gesagt.

    Was ich mir ansehe & wenn ich Debatten mit Millenials habe, habeich Angst. Es überrascht mich nicht was gerade los ist. Viele sind dank Bildungswesen anfällig für radikale Ideen und man dachte naiv wie bei Trump und Brexit es wird schon alles gut. Gerade in der Angelsächsichen Presse gehen Debatten ab, wo man falsch lag was wird schlimmer und was nicht. Auch sehe ich mit Bedenken wie jüngere was verständlich ist, nun allgemeine leichte (linke) Lösungen sich herbeisehnen und dabei auf die Hören die schon damals sagten sie haben den Weg und die Lösung. Dabei verstellen sie uns Jüngeren unseren eigenen Weg zu gehen.

    Bei uns selbst, im Streben alles „richtig zu machen“ wie man bei den Piraten sah und ob man und wie wo Kompromisse macht und machte, hat man teils ein falsches Bild. Dazu kommt das viele Akteure sich nun dann auf machten selbst „ohne Netzwerk“ zu agieren. Dadurch das man schnell auseinander ging ohne ein gewisses „Dach“ sind wir alle nun schwächer geworden und auch unsere Stimme. Gerade weil man versucht (hatte) einen neuen Weg zu gehen gabb und gibt es Rückschritte. Früher war zwar nicht alles leichter aber die Umstände dank Technik, Demographie und geopolitik ließen nicht so viel auf dem Spiel stehen. Auch weil man es sich nie wirklich vorstellen konnte. Das 20. Jahrhundert hat uns bitter eines anderen belehrt.

    Durch unsere eigene Atomisierung des Handelns denke ich schwächenn wir uns als jüngere Generation nur. Wir haben nichts zu verlieren, aber wir müssen mehr zusammenarbeiten udn auch diskutieren und organisieren. Klar viele versuchen ihr Heil in Neugründungen die alles das selbe wollen, was ich verstehe aber alles hat gewisse ähnliche Entwicklungen weswegen viele enttäuscht sein werden und so die Gefahr eines erneuten Frustes ist. Blogge auch oft darüber eine allgemein gültige Lösung habe ich nicht wirklich, denke es ist daran das man mehr als unsere Generation zusammen arbeiten muss und auch Kompromisse und nicht „alles oder nichts“ Lösungen sich wünscht.

    Die Zeit wird zeigen wie es sich alles entwickelt. Aber es liegt an uns das es nicht wie im 20. Jahrhundert endet.

    LG

    Schoresch (@aldavoodi)

  11. „Du sprichst mir aus der Seele“ wird viel zu oft leichtfertig dahingesagt.
    Merkt man meist erst, wenn es dann doch wirklich mal passt.
    Der Text verleiht (wohl nicht nur) meiner Empörung und Traurigkeit eine Struktur, die für einen Moment geradezu erleichternd wirkt.
    Aufregen kann ich mich dann morgen wieder… :)

    Danke!

    Und nicht aufgeben… wir sind viele. Wir schreien nur nicht so laut.

  12. Kopf hoch! Nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ haben wir uns in Europa vorgemacht, dass man mit Geld und Technik selbst die Zukunft beherrscht. Dass dabei Vieles auf der Strecke geblieben ist, angefangen bei der Kultur bis hin zur Bildung und der Sozialisierung, darf nicht davon abhalten, sich weiter für das einzusetzen, was man für richtig und fair hält. Die kleinen Schreihälse sind doch nur deswegen so laut, weil ihnen schon das Wasser bis zum Hals steht.

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