Diese besorgten Bürger werden uns zugrunde richten

seneca

An der Uni habe ich gelernt was Leistungsgerechtigkeit heißt: Menschen, die auf Geld aufpassen bekommen mehr als Menschen, die auf Menschen aufpassen. Und die, die kein Geld haben – für die interessiert sich kein Arsch. Während ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe, stand die Weltwirtschaft zwei Mal vor dem Kollaps. Das hatte schizophrene Züge: Morgens Formeln pauken an der Uni. Formeln, die sagen, „alles wird gut“. Und Abends in der schicken City beim Occupy-Plenum gegen den Spekulationswahn vor der Bank demonstrieren. Ich werde das nie vergessen. Immer wieder kamen Menschen in Anzug vorbei und legten große Scheine in die Mitte. „Ihr tut das richtige“, sagten sie. Und gingen doch weiter. Am Ende wurden die Banken mit Steuergeldern rausgehauen. Und wir saßen wieder in den Seminaren. Und diskutierten bald darauf die Eurokrise. Gelernt habe ich da: Too big to fail – das gilt nicht für das Elend unserer Zukunft.

Wir sind Exportweltmeister. Uns geht es so gut wie nie zuvor. Wir sind die Champions Europas. Aber wer ist eigentlich wir? Der Durchschnittsverdiener, der mitgeteilt bekommt, dass seine Rente für nichts reichen wird? Die Alleinerziehende, die sich von Monat zu Monat durchschlägt und abends auf der Couch erschöpft und traumlos einschläft? Die Pflegerin, die insgeheim hofft niemals bei ihrem Arbeitgeber in Pflege gegeben zu werden, weil längst nach Minuten und nicht nach Bedürfnissen abgerechnet wird? Die Wahrheit ist doch die: Deutschland sagt nicht Sorry für die Agenda 2010. Für Rentenkürzungen. Für Riester-Disaster. Denn Deutschland geht es doch so gut. Nur wird für viele immer klarer: Wir sind nicht dieses Deutschland. Und werden es auch nie sein.

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist die nackte Angst. Die Angst vor sozialem Abstieg. Die Angst vor Konzernen, die sich wie Staatschefs aufspielen. Die Angst vor Globalisierung. Diese vermeintlich höhere Naturgewalt muss als universelle Rechtfertigungs-Strategie herhalten. Und es wird kalt in Europa. Denn aus Angst treten wir nach unten. Gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“. Gegen „spätrömische Dekadenz von Sozialempfängern“. Gegen „gierige Rentner“. Und „faule Studenten“. Und lassen mal so richtig Dampf ab. Ohne zu merken, dass wir dadurch nach oben buckeln. Und das Hamsterrad sich immer schneller dreht. Am Ende kann man sich nicht einmal mehr beklagen. Denn den Sozialstaat tragen wir mit diesen Scheuklappen selbst zu Grabe. Dabei sind wir sehr produktiv. Sehr gründlich. Sehr deutsch.

Meine Eltern sind aus Polen ausgewandert, damit ihre Kinder in Freiheit aufwachsen. In Demokratie. Pressefreiheit haben wir hier. Meinungsfreiheit. Doch wenn ich über die AfD schreibe, scrolle ich anschließend durch Morddrohungen in meiner Timeline. Ich bin nicht allein damit. Wahr ist: Ich kann schreiben was ich will. Und habe doch Angst, dass irgendwann Leute vor meiner Tür stehen. Meinungsfreiheit rufen sie laut, meinen doch aber nur ihre eigene Deutungshoheit. Lügenpresse ätzen sie, und meinen nur, dass sie Kritik nicht vertragen. Demokratie für das Volk grölen sie, und sind doch diejenigen, die am fleißigsten am Sozialstaat sägen.

Es wird Frühling in Europa, und doch bleibt es kalt. Österreich hat gewählt. In Frankreich wird Marine Le Pen es wahrscheinlich in die Stichwahl für das Präsidenten-Amt schaffen. Das ist surreal. Es ist gar nicht so lange her, da besetzten junge Menschen in ganz Europa öffentlich Plätze. Gegen Sozialabbau. Gegen Banken-Bailout. Und für demokratische Reformen. Hätte daraus ein europäischer Frühling werden können? Wir werden es nie erfahren. Denn irgendwann sind sie wieder enttäuscht und desillusioniert gegangen. Ganz still und ohne großen Knall. Die Utopisten. Die Spinner. Die Träumer.

Und die, die nach ihnen kamen brauchen keine Träume mehr. Sie haben auch keine Lösungen für uns. Sie wollen uns die Angst vor der Zukunft nicht nehmen. Weil genau diese Angst ihr Geschäftsmodell ist. Ich bin überzeugt: Diese besorgten Bürger werden uns am Ende zugrunde richten. Denn sie sind nicht besorgt: Sie frohlocken insgeheim darüber, dass wir uns wie Kaninchen mit großen Augen panisch in Angststarre begeben. Leichte Opfer für Populisten. Die Schafe wählen den Wolf, um es dem Schäfer mal richtig zu zeigen.

Und ich sehne mich nach den Träumern, den Spinnern, den Phantasten. Den Mutigen. Denjenigen, die Visionen haben und keine Angst. Denjenigen, die Grundlegendes in Frage stellen und nicht nach unten treten. Denjenigen, die uns Hoffnung geben – statt sie uns zu nehmen. Und frage mich, was passiert wäre, wenn wir ihnen einfach zugehört hätten.


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15 Kommentare

  1. Wir können dem nur zustimmen! Für mein Empfinden macht sich das deutlich bemerkbar im alltäglichen – das ist besorgniserregend. By the way – die neuronale Inferenz würde auf einem sehr stabilen Fundament stehen – no doubt. Seht ihr das auch so???

  2. Hallo Frau Nocun,

    Neulich habe ich im Zug ihren Artikel gelesen und dabei festgestellt dass sie mir aus der Seele sprechen. Während ich aus dem Fenster schaute und die Musik genoss – vorbei an dem vielen Grün entlang der Strecke kam mir in den Sinn wie klein doch die Welt ist.

    Schönen Abend aus Ulm
    MAS

  3. Danke! Du hast mir aus der Seele geschrieben. Bitte, hör nicht auf, kritisch das Leben zu reflektieren. Bin 82 Jahre.

  4. Sehr geehrte Frau Nocun,

    wir haben tatsächlich vieles gemeinsam.. bis auf den Beruf da ich Informatiker bin…
    Im großen und ganzen lässt sich sagen dass unsere Generation den Mut haben sollte etwas zu bewegen. Fakt ist auch dass sich der technische Fortschritt kaum umkehren lässt mit all seinen weitreichenden ökologischen und ökonomischen Folgen.

    Schöne Grüße aus Ulm

  5. 1. „Es ist gar nicht so lange her, da besetzten junge Menschen in ganz Europa öffentlich Plätze“ – Nur weil Occupy gerade nicht mehr aktuell ist heißt das doch noch lange nicht, das junge Menschen nicht mehr auf die Straße gehen, siehe z. B. den historischen Massenprotest hier in Warschau am 07.05.2016 oder die aktuellen Demos gegen den drohenden Sozialabbau in Frankreich.

    2. „Diese besorgten Bürger werden uns zugrunde richten“: Bei weitem nicht jeder Bürger mit (politischen) Sorgen ist gleich ein Populist / AFD oder Pegida-Anhänger. Man kann z. B. auch wohlwollend & besorgt bezüglich des Sozialstaats sein. Ich halte also sehr wenig davon, politische Sorgen mit dem Schlagwort „besorgte Bürger“ einem bestimmten politischen Lager zuzuordnen.

  6. Die Sorgen der „besorgten“ sind auch Träume. Albträume eben.

  7. Danke für diese Worte, mir fehlen Sie auch die Spinner und Träumer.. und war man nicht mal selbst einer/eine davon? Wie kams dass die Utopien verloren gingen und der Überlebens-Pragmatismus gewann? Und wann werde ich wieder aufwachen und erneut träumen .. hmm… aber Gedanke wie die Deinen sind ein Schritt dahin, dafür Danke!

  8. Wo kann man das Parteiprogramm denn nun eigentlich nachlesen?? Auf deren Seite gibt es ja nur das von 2013?

  9. Du sprichst mir aus der Seele. Dennoch fehlt was und das treibt mich um, weil ich es selbst nicht weiß. Was tun? Wie holt man die Couch Potato Demokratie- und Rechtsstaatliebhaber vom Feierabendsofa? Wie besorgen wir es den allzu besorgten Bürgern? Von der Politik ist nichts zu erwarten, die legt Diplome in Gesundbeten ab und wenns dann engültig kippt wird wohl gehofft werden, dass sich die AfD und ihre Kumpane schon auf irgendeinen Deal einlassen und sich damit zufriedengeben. Motto: Augen zu und durch.Wir schreiben wieder mal 1932! Die Strategie des „Deals“ ist derart weit verbreitet, dass man durchaus einen Vergleich mit spätrömischer Dekadenz ziehen kann. Der EU-Türkei Deal ist ja nur ein Beispiel, das gerade gedanklich naheliegt. Aber auch beim Kampf gegen den IS oder die Taliban, die Probleme in Libyen, Konflikte in Afrika, überall versucht man mit einer Strategie zum Erfolg zu kommen, die derart rücksichtslos und von falschen Selbstverständnis geprägt ist, dass ein späteres „auf die Füsse fallen“ quasi verprogrammiert ist. Man schickt Waffen, macht ein paar „saubere“ Kampfeinsätze aus der Luft und schickt ein paar Ausbilder. Die Drecksarbeit für die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit und unserer Vorstellungen, das soll jeweils die einheimische Bevölkerung stemmen. Tolles Modell! Ja, jetzt bin ich weit abgeschweift, aber was ich zeigen will ist, dass diese Politik, die jedes Negativbild, jede „härtere“ Gangart um jeden Preis vermeiden will, gerade im Bezug auf Extremismus zum scheitern verurteilt ist. Demokratie hat nicht die Pflicht zur Selbstaufgabe, und Aussenpolitik gelingt nur mit Aufgabe von Interessen, oder mit ihrer Durchsetzung. Immer alles vermeintlich Schlimme (insbesondere drohender Wählerstimmenverlust) umgehen, verlagern oder aussitzen zu wollen ist der Tod. In der Innenpolitik hingegen ist der härtere Konflikt nun schon fast unvermeidlich. Ein wenig nachgeben, ein wenig besänftigen, ein wenig Kompromisse suchen, das wird mit diesen Leuten nicht funktionieren.Sie werden dies alles sofort als Schwäche interpretieren und versuchen den nächsten Schritt zu gehen. Wir haben jetzt in übertragenem Sinne unsere eigenen Taliban. Dass wir ihnen nur ein paar böse Sätze in den sozialen Netzwerken zurückschreiben und dabei auf der Couch lümmeln reicht bestimmt gar nicht. Jetzt ist die Frage immer noch unbeantwortet… wie schaffen wir es, dass viele ganz anderweitig besorgte Bürger aufstehen und mit den richtigen Mitteln gleichzeitig gegen den braunen Sumpf angehen und die Politik wachrütteln?

  10. Eines unserer Probleme als Menschen ist, dass wir nach Akkumulation von Sozialkapital handeln. Dies steht diametral der analytischen Kompetenz entgegen. Schnell erzeugen wir wechselseitige Anerkennung, wenn der Daumenrauf gezeigt wird oder eine identische Sprachformel genutzt wird. So lässt sich die emotionale Seite befriedigen, zum einen sich selbst und zum anderen dem Anderen gegenüber. Die Schwäche der gegenwärtigen Debatte ist nicht zuletzt, dass es sich um eine emotionale Debatte handelt, d.h. um einen Kulturkampf. So können sich Rassisten als vom „links-grün versifften“ Milieu verfolgt ausgeben, wenn sie als „Rechtspopulisten“ bezeichnet werden. Letztere spielen das Spiel der Medien besser als die Medien selbst. Denn die Ware, die in letzteren verkauft wird, ist die anschlussfähige Geschichte, also Tratsch. In dieser Erzählung gibt es aber kaum Unterschiede zwischen richtig und falsch. Österreich zeigt es, diesen Wettbewerb gewinnen die Demokraten nicht. Was tun? Teure Analyse kostenlos nach Feierabend herstellen oder auf die Vernunft in Parteien hoffen, die ihren eigenen Untergang dann doch nicht so beschleunigt hinnehmen wollen. Leider haben auch die Piraten (RIP), trotz bester Ansätze, es nicht geschafft, ressortorientiert Informationen frei im Netz zugänglich zu halten. Es ist ja auch ein Verfahren, das aktive Politiker ein Stück weit entmachtet.

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