Allmacht Amazon – Doku im WDR

Millionen Menschen nutzen Amazon – trotzdem machen sich nur die wenigsten Nutzer Gedanken darüber, wie das Unternehmen unseren Alltag und die Wirtschaft verändert. In der WDR Mediathek könnt Ihr Euch seit letzter Woche eine wirklich gelungene Doku über Amazon anschauen. Ich habe mehrere Tage mit dem Filmteam in Berlin gedreht und dafür unter anderem meine gesammelten Amazon-Käufe visualisieren lassen. Ein Highlight war eine Stop-Motion-Animation, für die wir 15.000 Blatt Papier auf dem Schreibtisch aufgetürmt haben. Wir wollten sichtbar machen, wie groß so ein Amazon-Datensatz über einen Kunden eigentlich ist, wenn man es einmal ausdrucken würde.

Die Doku bedient sich einer Metapher, um zu erklären, wie Amazon funktioniert und warum es ein Problem ist, wenn eine Plattform einen gigantischen Marktanteil auf sich vereint. Die Filmemacher sind dafür zu einem Markt gefahren und haben Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute ausfürlich zu Wort kommen lassen. Der Vergleich zu einem klassischen Marktplatz funktioniert auf vielen Ebenen. Denn Amazon ist nicht nur selbst Anbieter, sondern lässt auf seiner Plattform auch Drittanbieter zu.

Zum einen kann so gezeigt werden, was das eigentlich für die Vielfalt bedeutet, wenn der Marktplatzbetreiber nach und nach selbst zum Anbieter wird – und welche Verhandlungsmacht er besitzt, wenn er allein die Regeln diktieren kann, nach denen auf seiner Plattform Geschäfte abgewickelt werden. Spätestens wenn Amazon-Gründer Jeff Bezos mit einem Notizblock hinter einer Marktbesucherin herläuft, um zu notieren, was sie sich wie lange angeschaut hat, wird klar, wie übergriffig der Konzern agiert.

Ein weiteres Highlight ist Zhoshana Zuboff, Professorin an der Harvard Business School, die den Überwachungskapitalismus so treffend wie keine andere erklären kann. Sie erzählt ein wenig über die neusten Amazon-Patente für Alexa, den Sprachassistenten für daheim. Anhand der Stimmlage kann analysiert werden, wie es um unsere Laune und Stimmung der Nutzer bestellt ist. Bei meiner Buchrecherche habe ich mich übrigens damals aus genau dem Grund dagegen entscheiden, ein Experiment mit „Echo“ bzw. „Alexa“ zu machen. Das ist einfach zu übergriffig…

Die Doku beleuchtet außerdem ein Mitglied des neuen „Digitalrats“ der Bundesregierung äußerst kritisch. Andreas Weigend hat vor langer Zeit kurz für Amazon gearbeitet und reist seitdem um die Welt, um Vorträge als ehemaliger Amazon-Experte zu halten. Dabei war seine „Karriere“ bei Amazon sehr überschaubar. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich als Experte für Digitalthemen zu vermarkten. Seine Ideen erinnern an die naiven Annahmen der „Postprivacy“-Vertreter: Soll doch jeder alles öffentlich machen, dadurch entstehen nur Vorteile! Klar, jemand wie Weigend muss sich eben niemals Sorgen um seinen Schufa-Score machen…

Mit dem Filmteam bin ich außerdem zu der großen Demo gegen das niedersächsische Polizeigesetz in Hannover gefahren. Denn die Doku beleuchtet außerdem ein weniger bekanntes Geschäftsfeld von Amazon: Die biometrische Gesichtserkennung. In den USA gibt es bereits Kooperationen zwischen Amazon und lokalen Polizeistellen. Unter den Kritikern, die in der Doku zu Wort kommen, ist auch ein Vertreter der ACLU – einer großen Bürgerrechtsorganisation aus den USA, die regelmäßig Klagen gegen Überwachungsgesetze auf den Weg bringt.

Fazit

Wir sollten uns dringend heute schon fragen, wie der Markt der Zukunft aussehen sollte. Und wie nicht. Welche Produkte und Geschäftsmodelle sind für unsere Gesellschaft gut und welche gefährlich? Wenn wir nicht irgendwann vor vollendete Tatsachen gestellt werden wollen, müssen wir bereits heute die Spielregeln definieren, die dafür sorgen, dass wir keine neuen Monopole schaffen. Amazon ist nicht nur der größte Marktplatz in vielen Ländern dieser Welt. Der Datenstrom des Unternehmens speist sich wie beim Amazonas aus einer Vielzahl von Diensten. Höchste Zeit, dass die EU-Wettbewerbshüter sich das Ganze einmal genauer ansehen….

Hier gehts zur Doku „Allmacht Amazon – Die Story“


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4 Kommentare

  1. Seit 1999 bin ich als Kunde bei Amazon registriert. Es war wirklich sehr bequem, dann dort etwas zu bestellen, weil ich mich nicht erneut irgendwo registrieren musste. Inzwischen ist aber wohl jedem aufgefallen, dass nicht nur in den Dörfern und Kleinstädten immer mehr ehemals inhaber geführte Geschäfte zu machen und es immer schwerer wird, etwas speziellere Dinge „Offline“ zu kaufen, wenn man nicht extrem weite Wege in Kauf nehmen will. Um diesem Trend entgegen zu wirken habe ich für mich beschlossen, Amazon nur noch so selten wie möglich zu benutzen: Nur noch dann wenn ich für mich keine andere Möglichkeit finde, um eine bestimmte Information oder ein bestimmtes Produkt zu bekommen.

  2. Zu Deiner Frage „Patenter Anwalt“: Amazon war zunächst „Nur“ Buchhändler und bietet seit neuestem immer mehr Eigenmarken an. Ich hoffe Du verstehst nun besser, was gemeint war.

  3. Was soll denn das: „wenn der Marktplatzbetreiber nach und nach selbst zum Anbieter wird“.

    Amazon war Anbieter und ist nach und nach zum Marktplatzbetreiber geworden, nicht umgekehrt.

    Ich hoffe der Rest der Recherche ist besser….

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