Angst ist ein schlechter Ratgeber

Die ganze Welt ist durchgedreht – diesen Eindruck bekommt man, wenn man an diesem Montag Nachrichten schaut. Der schreckliche Amoklauf in München, der Macheten-Mord in Reutlingen und nun eine Bombe auf einem Festival in Ansbach. Politikern werden Mikros unter die Nase gehalten: „Was ist die politische Reaktion?“ Aus dieser Dynamik entstehen viele Probleme.

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Der Griff in die Mottenkiste

Ich würde mir mehr kritische Berichte über politische Schnellschüsse wünschen. Schafft Forderung xyz wirklich mehr Sicherheit oder ist das nur Symbolpolitik? Oft genug erscheint es nämlich, als wenn bereits totdiskutierte Scheinlösungen (siehe „Killerspielverbot“) aus der Mottenkiste geholt werden weil man hier ein politisches Möglichkeitsfenster sieht. Das Verbot von sogenannten „Killerspielen“ wurde in den 2000er Jahren bereits zu genüge diskutiert. Die Mehrheit der wissenschaftlichen Studien kommt zu einem klaren Ergebnis: Ego-Shooter machen niemanden zum Amokläufer. Auch wenn viele Amokläufer Egoshooter gespielt haben – allerdings haben sie wahrscheinlich auch Fernsehen geschaut und Brot gegessen. Und? Allein in Deutschland gibt es mehrere Millionen Menschen, die gerne solche Spiele zocken. Auf der Gamescom ist die Bundeswehr sogar mit einem Panzer angerückt um an ihrem Stand junge Zocker für den Dienst an der Waffe zu begeistern. Egoshooter? Seriously? Mit Verlaub, ich finde diese Debatte ist von vorne bis hinten absurd. Von Rammstein aus werden Militär-Drohnen koordiniert, die Menschen töten. In der Tagesschau sehe ich Bilder von Kriegen, in denen ganz real Menschen sterben. Und der Innenminister steckt mal eben mit seinen Kommentaren über vermeintliche „Killerspiele“ Millionen friedliche Zocker in eine Schublade mit einem Amokläufer. Das ist wirklich ganz schlechter Stil. Und leistet genau gar keinen Beitrag für die Sicherheit.

Lasst die Polizei doch erst einmal ihre Arbeit machen. Beweise sichern. Zeugen verhören. Und dann kann man darüber reden, was für Lehren man daraus ziehen kann. Es ist unseriös bereits wenige Stunden danach vermeintliche Lösungen als „politische Konsequenzen“ zu präsentieren. Das wird dem Ernst der Lage nicht gerecht. Angst und Panik ist ein schlechter Ratgeber für Entscheidungen von großer Tragweite. Politisches Kalkül ebenso.

Der Opportunismus

Sowohl Regierung als auch Opposition tun sich keinen Gefallen, wenn sie sich, noch bevor klar ist was eigentlich Sache ist, zu Mutmaßungen über „Terroranschläge“ hinreißen lassen. In München ist bereits nach wenigen Stunden klar gewesen, dass der Täter mit Terror nichts am Hut hatte. Besonders krass in Hinblick auf eine politische Ausschlachtung ist (wenig überraschend) die AfD negativ aufgefallen. Dort haben viele Accounts von Landesverbänden und einzelnen Politikern versucht das Geschehene maximal in Wählerstimmen zu verwandeln. Mit Verlaub – bei solchen Reaktionen entsteht schnell der Eindruck, der eine oder andere würde solche schrecklichen Geschehnisse insgeheim als Wahlkampfhilfe begrüßen. Und das ist wirklich wirklich schäbig. Wie gesagt: Lasst die Polizei erst einmal ihre Arbeit machen. Und zeigt gefälligst etwas Respekt gegenüber den Opfern und Angehörigen. Das ist nicht die Zeit für Wahlkampf.

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Die Täter

Die Täter wollen durch ihre Tat ein Bild von sich als „gefährliche Masterminds“ konstruieren und so für die Ewigkeit in Erinnerung bleiben. Der eine oder andere Politiker stimmt da gerne mit ein. Der Täter aus München hat gezielt den Jahrestag der Breivik-Morde als Datum seines Amoklaufs ausgesucht. Das war sicher kein Zufall. Aber sind Menschen die wehrlose Menschen töten wirklich „gefährliche Masterminds“? Starke Männer? Really? Eigentlich sind es doch zutiefst gescheiterte Menschen, die geistig krank sind. Zwei Täter haben eine Geschichte psychischer Probleme. Der Täter aus Ansbach hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Der Täter aus München war in Behandlung wegen Depressionen und Angststörungen. Es waren Menschen, die in vielerlei Hinsicht im Leben gescheitert sind. Und dann ihrem bisher glanzlosen Leben durch einen Gewaltexzess einen vermeintlichen Sinn geben wollen. Wir sollten deshalb nicht den Fehler machen, das von den Tätern gewünschte Selbstbild zu übernehmen. Sondern sie weiterhin so sehen wie sie sind: Krank und gestört. Wer wehrlose Menschen abschlachtet, der ist einfach nur feige und gestört. Das bedeutet nicht, dass ich Mitleid mit diesen Leuten habe – doch ich weigere mich, ihr verzerrtes Bild von sich anzuerkennen. Je weniger wir auf das verdrehte Selbstbild der Täter einsteigen, und je mehr wir uns klar machen, dass die Leute wirklich Irre sind, desto geringer ist auch die Gefahr, dass Nachahmer auf den Plan treten. In die Fußstapfen eines Irren zu treten ist eben weniger attraktiv, als ein vermeintlich geniales „gefährliches Mastermind“ zu sein. Danke daher noch mal an alle Medienvertreter, die hier aus meiner Perspektive sehr besonnen agiert haben.

Fazit: Totale Sicherheit gibt es nicht

So schrecklich diese Einsicht auch sein mag: Eine freie und offene Gesellschaft ist und wird immer verwundbar sein für Gewalttaten von irren Einzeltätern. Da hilft auch keine Bundeswehr im Inneren und keine Vorratsdatenspeicherung und erst recht kein Verbot von Egoshootern. Wir sollten daher Versuche, solche Ereignisse als „Möglichkeitsfenster“ zum Durchsetzen verstaubter Forderungen in der Innenpolitik zu nutzen, kritisch sehen. Gleiches gilt für übereilte Panik-Reaktionen, die wenig durchdacht sind. Angst und Panik sind keine guten Ratgeber. Für niemanden.

Ich finde es besonders ekelhaft, wenn Parteien solche Taten für ihre eigene politische Agenda instrumentalisieren und Hass gegen Migranten schüren. Das leistet genau NULL Beitrag zur Inneren Sicherheit sondern heizt die Zahl der bereits jetzt hohen Zahlen von rechtsmotivierten Attentate gegen Menschen in diesem Land weiter an. Das ist der tägliche Terror, den wir gerne ausblenden. Wahrscheinlich, weil er unbequem ist und aus unserer Mitte kommt. Zu allerletzt dürfen wir uns nicht blenden lassen und bei dem bleiben was die Täter sind: gescheitert, gestört, feige. Und von solchen Menschen will ich mir auch nach ihrem Tod nichts vorschreiben lassen. Denn wenn wir anfangen uns von irren Einzeltätern die Politik diktieren zu lassen, dann ist genau das eingetreten, was nicht eintreten darf: Wir geben diesen Menschen eine unglaubliche Macht über unser Leben. Und genau das darf niemals passieren. Niemals.

11 thoughts on “Angst ist ein schlechter Ratgeber

  • Liebe Frau Nocun,

    Mit Recht kritisieren Sie, dass die AFD sich nicht zu Sanktionen usw. bei ALG-2 äußert, wissen Sie, dass die SPDdie Partei der Jobcenter/Trainingsmßnahmen ist! ?Arbeiten lassen ist nicht unmoralischer als Trainingsmaßnahmen!

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